Faktencheck Teil 1

zu Jule Stinkesocke

Jule Stinkesocke - das Phänomen, das ein Phantom war. 15 Jahre lang hat sie in ihrem Blog und den Tweets trotz des Wunsches nach Anonymität und mehreren Stalkern ausführlich über ihr Leben berichtet. War das wirklich alles nur erfunden? Wir haben ihre Geschichte, Vita, Eckpunkte, Freundinnen, sportliche Erfolge, Umfeld und die Berufslaufbahn als Medizinerin Stück für Stück unter die Lupe genommen.
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Vita
Jule hat zwar immer den Anspruch, anonym bleiben zu wollen, speziell nachdem sie angeblich von 'Stalkern' verfolgt wird. Sie lehnt auch Kooperationen jeglicher Art ab. Trotzdem kann man aus ihren Blogposts, dem ehemaligen Facebook-Profil sowie Tweets von ihr und von ihrem Pflegekind Helena eine genaue Vita konstruieren:
- 1992
Geboren am 21.8.1992, aufgewachsen als Einzelkind mit den Eltern in Hamburg-Lurup - 2008
Bis 2008: Besuch des Gymnasium Dörpsweg (zuletzt 10. Klasse)
8.7.2008: Unfall, Krankentransport mit dem Heli in die Boberg Kliniken. Koma bis September 2008.
Ab November 2008: Rollstuhl - 2009
24. Februar 2009: 1. Training bei ihrem neuen inklusiven Sportverein in Hamburg
23. März 2009: Führerschein
26. Juni 2009: Entlassung und Einzug in eine inklusive WG in Eimsbüttel
27. August 2009: Besuch der Anna-Warburg-Schule in Hamburg, 11. Klasse - 2010
August 2010: Besuch der Anna-Warburg-Schule in Hamburg, 12. Klasse
31. August 2010: Paratriathlon - 2011
1. Juli 2011: Umzug in ein inklusives Wohnprojekt über 3 Stockwerke, ehemalige Fabrik in Hamburg-Hamm
9. August 2011: Schule nach Klasse 12 beendet, Pflegepraktikum in einer Pflegeeinrichtung für behinderte Menschen (1 Monat) - 2012
2. April 2012: Beginn Medizinstudium in Hamburg
5. Juni 2012: Paratriathlon
12. August 2012: Paratriathlon, westliches Rheinland-Pfalz
15. September 2012: Paratriathlon, südliches Niedersachsen - 2013
8. Juli 2013: Paratriathlon
11. November 2013: Handbikerennen in SH - 2014
März 2014: Physikum – mündliche und schriftliche Prüfung
März 2014: Jule kauft gemeinsam mit Marie ein Grundstück in Bergedorf und baut ein Haus
April 2014: Neuer Studienort in Bayern wg. stalkender Mutter (Wechsel innerhalb des Semesters)
September 2014: Richtfest
7. September 2014: Paratriathlon - 2015
Januar 2015: Das Haus ist fertig und wird bis auf eine Wohnung vermietet.
5. Februar 2015: Famulatur 1. Teil, Kinderarztpraxis
3. August 2015: Famulatur – 4 Wochen in einer gastroenterologischen Abteilung eines großen Krankenhauses
16. August 2015: Paratriathlon - 2015-2017
Blog- und Twitterpause - 2018
Anfang 2018: Hauskauf in Schönberg/Ostsee und Umzug dorthin
19. Juni 2018: 3. Staatsexamen
23. Juni 2018: 1. Job, Beginn der Facharzt-Ausbildung in einer Klinik
1. August 2018: Wechsel an eine Klinik in der Nähe ihres Wohnorts Schönberg/Ostsee
2. August 2018: Zukünftiges Pflegekind Helena wird eingeführt. Helena besucht ab August 2018 die Gemeinschaftsschule Probstei in Schönberg.
November 2018: Tod des Vaters - 2019
16. Februar 2019: Neuer Arbeitsplatz
1. August 2019: Schwimmwettkampf
19. August 2019: Open Water Schwimmwettkampf - 2020
ab 1. August 2020: Fach-Weiterbildung Pädiatrie in einer Kinderarzt-Praxis (Kinder- und Jugendärztliche Praxen Probstei – Schönberg).
September 2020: Tod der Mutter - 2022
ab August 2022: Helena besucht das Thor-Heyerdahl-Gymnasium im Bildungszentrum Mettenhof (Kiel)
Jules Unfall
Jule Stinkesocke, Klarname Julia Gothe, ist ein ganz normales 15jähriges Mädchen, besucht das Gymnasium, liebt Pferde und muss sich über nichts ernsthaft Sorgen machen. Sie wohnt zusammen mit ihren Eltern in einem kleinen Einfamilienhaus im Hamburger Stadtteil Lurup. An einem warmen Tag kurz vor den Sommerferien hat sie sich mit ein paar Freundinnen zum Schwimmen verabredet hat. Nur schnell nach Hause, etwas essen, dann sofort ins Freibad.

Das Narrativ: Am 8. Juli 2008 wird Jule auf dem Fußweg von der Schule nach Hause von einer Linksabbiegerin erfasst und lebensgefährlich verletzt. Sie wird noch am Unfallort in ein künstliches Koma versetzt und kommt mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik, das BG Klinikum Hamburg („Boberg').
Dort diagnostizieren die Ärzte mehrere schwere Verletzungen, unter anderem am Kopf, im Bauchraum, an der Lunge, am Herz sowie diverse offene und geschlossene Knochenfrakturen. Auch die Wirbelsäule hat etwas abbekommen. Im Lendenbereich sind drei Wirbelkörper komplett zertrümmert, Knochenfragmente haben sich in das Rückenmark gebohrt – Jule ist querschnittgelähmt. Wochenlang liegt sie auf der Intensivstation, fast zwei Monate im künstlichen Koma. Es folgen diverse Operationen und eine mühsame Reha. Jule selbst zelebriert den Tag ihres Unfalls fortan in ihrem Blog mit einem Gyrosbaguette.
In den Hamburger Medien ist darüber nichts zu finden. Ein anderer Unfall, einige Monate zuvor im März 2008, wird hingegen in mehreren Artikeln erwähnt:

'Die 14-Jährige stand an der Kreuzung Rahlstedter Straße/Brockdorffstraße, als sie ihren Bus Richtung Großlohe nahen sah, mit dem sie nach Hause fahren wollte. Ohne auf den Verkehr zu achten, lief sie über die Fahrbahn und wurde dabei von einem Pkw erfasst. Die 67-Jährige Autofahrerin kam mit ihrem Pkw erst nach mehreren Metern zum Stehen, dabei wurde die Schülerin unter dem rechten Vorderrad eingeklemmt. '
– Abendblatt, 26.03.2008
In Jules Blog liest sich ihr eigener Unfall so:
„Die 67-jährige Autofahrerin, die im Juli 2008 ein damals 15 Jahre altes Mädchen auf dem Weg zur Schule an der Kreuzung … schwer verletzte, wurde heute zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Schülerin, die seit dem Unfall auf den Rollstuhl angewiesen ist, trifft den Feststellungen des Gerichts kein eigenes Verschulden. Die Unfallfahrerin hatte bis zum Schluss behauptet, das Mädchen habe die Straße bei Rot überquert.'
– Jule, 20. April 2009
In beiden Fällen ist die Unfallverursacherin eine 67-Jährige Autofahrerin, die eine Schülerin an einer Kreuzung anfährt. Wie wahrscheinlich ist es, dass der eine Unfall sehr viel Aufmerksamkeit in Hamburger Medien bekommt – und ein anderer, bei dem das Opfer, ein ebenfalls junges Mädchen, mit dem Heli abtransportiert wird und kaum Überlebenschancen hat, unerwähnt bleibt?
Eine Journalistin stellte nach dem Reveal 2023 Fragen zu dem Unfall und gab auf Twitter bekannt, dass die Polizei HH dazu keine Auskunft mehr geben kann - der angebliche Unfall ist in jedem Fall zu lange her, auch der Polizeibericht im Internet geht nur bis 2011:

Tatsächlich gab es im August 2008 noch einen weiteren tragischen Unfall in Hamburg, bei dem eine von Jules späteren ‚Sportfreundinnen' aus ihrer anfänglichen Basketballgruppe schwer verletzt wurde und von da an ihr Leben im Rollstuhl meistern musste, was die lokalen Medien gerne aufnahmen.
Diese junge Frau kam mittlerweile über Rollstuhlbasketball zum Para Kanu und wird auch in Jules Blog promotet, kennt Jule allerdings nicht, obwohl beide zur selben Zeit in Boberg gewesen sein müssen – und später sogar jahrelang im selben Verein.
Jules Führerschein
Mobilität nimmt in Jules Blog einen großen Raum ein, besonders die Themen Auto, Unfälle, Behindertenparkplätze, obwohl sie auch oft den ÖPNV in Hamburg und für Reisen innerhalb Deutschlands die Bahn nutzt.
Das Mädchen, das noch im Januar 2009 ihr Krankenhausbett nur für 1 Stunde verlassen darf, überrascht ihre Leser im 24. März 2009 mit der Nachricht: „Ich habe gestern Abend im ersten Anlauf meine praktische Fahrprüfung bestanden!' und nennt das nach einem Spruch ihres Vaters „den Abschied aus dem bürgerlichen Leben'.
Erstaunlicherweise wird der Führerschein in keinem vorherigen Beitrag erwähnt. Egal ob Theorie- oder Praxisstunden, Erste-Hilfe-Kurs und Sehtest, medizinisch-psychologisches Gutachten – kein Wort darüber. Dabei müssen diese Stunden eine erfreuliche Abwechslung vom Klinikalltag gewesen sein.
Ich darf zur Zeit vier Stunden am Stück aus dem Bett und jede Woche eine mehr, wenn die Haut mitspielt. Ganz viel Krankengymnastik krieg ich schon und Psychotherapie und dann son Bildchen malen und Tonbilder antuschen und so Zeug halstücher batik… ^^
– Jule, 3. Februar 2009
Bei Planet-Liebe hatte Jule noch von ihrer ersten Fahrstunde am 6. März 2009 erzählt - Führerschein in 18 Tagen? Respekt!

Nicht nur deswegen war dieses Ereignis immer eines der strittigsten im Blog, denn Jule ist zu diesem Zeitpunkt gerade mal 16 Jahre und 7 Monate alt. Zudem bekommt sie eine Ausnahmegenehmigung für Jugendliche ab 17 Jahre ohne Begleitung durch eine geeignete Person erteilt.
Der Führerschein ab 17 kann mit 16 ½ Jahren beantragt und die theoretische Prüfung mit 16 ¾ Jahren absolviert werden, die praktische Prüfung darf frühestens einen Monat vor Erreichen des 17. Lebensjahres abgenommen werden. In Jules Fall hätte der Antrag erst Ende Februar eingereicht werden dürfen, ein halbes Jahr vor ihrem Geburtstag am 21. August. Die theoretische Prüfung hätte also frühestens am 21. Mai, die praktische am 21. Juli 2009 stattfinden können.
Erschwerend kommt hinzu, dass diese Ausnahmegenehmigung für Jugendliche ab 17 Jahre nur erteilt werden kann, wenn sie bestimmte, klar definierte Strecken alleine zurücklegen müssen, in der Regel Fahrten zum Ausbildungsplatz. Voraussetzung dafür ist das Vorliegen einer besonderen persönlichen Härte für den Antragsteller. Dies bedeutet, dass es sich einerseits um wichtige Fahrten für ihn selbst handeln muss (z.B. zum Ausbildungsplatz) und andererseits der Jugendliche aufgrund seiner persönlichen Verhältnisse keine andere zumutbare Möglichkeit hat, das Fahrtziel zu erreichen.
Grundsätzlich haben Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln immer Vorrang. Dabei gelten Abwesenheitszeiten vom Wohnsitz bis 12 Stunden pro Tag oder Fahrtzeiten von etwa 1,5 Stunden pro Strecke bei täglichen Fahrten noch als zumutbar. Bei selteneren Fahrten müssen unter Umständen längere Abwesenheits- bzw. Fahrtzeiten in Kauf genommen werden. Außerdem können Ausnahmegenehmigungen auf Strecken bis zur nächsten geeigneten Bushaltestelle oder dem nächsten geeigneten Bahnhof begrenzt werden. Daneben sind auch sonstige Fahrgelegenheiten mit Familienangehörigen, Nachbarn usw. vorrangig zu nutzen.
Das Vorliegen einer besonderen persönlichen Härte richtet sich außerdem nach der Entfernung zwischen dem Startort und dem Fahrtziel: bis 10 km kann beispielsweise grundsätzlich keine Ausnahmegenehmigung erteilt werden.
Jules Situation im März 2009 ist allerdings so, dass sie weder weiß, welche Schule sie nach der Entlassung besuchen noch wo sie wohnen wird. Zu diesem Zeitpunkt steht immer noch eine Rückkehr in ihr Elternhaus und an die vorherige Schule im Raum. Warum sollte also eine Ausnahmegenehmigung für dermaßen ungewisse Verhältnisse, die eben nicht klar definiert sind, vergeben werden? Wenn es Eltern gibt, denen zu diesem Zeitpunkt zugetraut werden kann, dass sie ihre Tochter in die Schule fahren? Im Stadtbereich Hamburg, der mit ÖPNV sehr gut erschlossen ist? Bereits im Februar 2009 nutzt Jule problemlos Bus und U-Bahn.
Jules Schulen

Vor dem Unfall im Juli 2008 besucht Jule bis zur 10. Klasse das Gymnasium Dörpsweg in Hamburg. Mehrere Anfragen ergeben: Niemand dort kann sich an Jule oder den Unfall erinnern.

Jule sucht noch im Krankenhaus nach einer Schule, in der sie im Herbst 2009 mit Klasse 11 nach einem Jahr Pause wieder einsteigen kann.
Ich habe auf den Rat der netten Sachgebietsleiterin in der Schulbehörde gehört und bei dem Gymnasium mit Schwerpunkt „Pädagogik/Psychologie' angerufen und gefragt, ob ich mir die Schule ansehen dürfte. „Dürfen Sie gerne, nur die Bewerbungsfristen für das kommende Schuljahr sind schon lange abgelaufen.' Ich habe erstmal nichts gesagt, sondern habe mich heute auf den Weg gemacht.
– Jule, 14. Mai 2009
Fristen sind für Jule generell kein Problem. Sie rollt unangemeldet in die Anna-Warburg-Schule, greift sich den Oberstufenleiter, lädt ihn auf einen Kaffee ein – und darf sich, nachdem sie ihm ihre Lebensgeschichte erzählt hat, danach natürlich anmelden. Wir haben bei besagtem Oberstufenleiter nachgefragt. Er erinnert sich nicht an einen solchen Fall. Eine Lehrerin versichert uns, dass eine Person wie Jule an dieser Schule nicht bekannt ist, und dass die örtlichen Beschreibungen auch nicht ganz hinkommen.
'Ich bin von 2009-2011 zur Anna-Warbung-Schule gegangen, war dort der erste Jahrgang und habe dort Abitur gemacht. Ich bin sicher, dass diese Person mir dort nie begegnet ist, ich habe auch nie von ihr gehört.' - ehemalige Schülerin
Es ist allerdings ausgeschlossen, dass Jule in ihrem Facebook-Profil ‚versehentlich' eine falsche Schule nennt, da der Schwerpunkt, für den sie sich entscheidet, in Hamburg zu dieser Zeit kein zweites Mal angeboten wird.
Medizinstudium
Die junge Frau, die im Frühling 2011 das Abitur besteht, ist nicht Jule, sondern Marie, die Tochter von ihrer Hausärztin, die ebenfalls im Rollstuhl sitzt. Jule geht zu diesem Zeitpunkt in die 12. Klasse und hat Marie erst vier Monate zuvor kennengelernt. Ihre Hausärztin beschließt, dass sie doch bitte umgehend gemeinsam mit ihrer Tochter Medizin studieren soll, damit diese Gesellschaft hat. Jule hat sich bis dahin zwar kaum Gedanken um ein Studium gemacht und wenn überhaupt mit Psychologie geliebäugelt, ist aber einverstanden, sich mit einem Professor zu treffen, der ihr helfen könne.
Auftritt Superprof
Der Professor hat bei Jules Eintreffen bereits begeistert ihren Blog durchstöbert und eröffnet ihr den Weg ins Studium: Er bescheinigt ihr die notwendige Reife sowie überdurchschnittliche Noten und verspricht ihr ein Empfehlungsschreiben, das ihr zusammen mit einem bestandenen Eingangstest ein Medizinstudium in Hamburg garantiert.
Die ‚überdurchschnittlichen Noten' aus dem 1. Halbjahr 2011 veröffentlicht Jule selbst, in Klammern die Noten vom Vorjahr:
Deutsch 14 (14, 13)
Mathematik 10 (10, 10)
Englisch 14 (13, 14)
Pädagogik 13 (13, 12)
Psychologie 12 (12, 12)
Biologie: 10 (09, 09)
Chemie: 09 (09, 06)
Politik, Gesellschaft, Wirtschaft: 09 (08, 07)
Sport: 15 (befreit, befreit)
– Jule, 30. Januar 2011
Welche dieser Noten sollen für ein Medizinstudium qualifizieren, bei dem der NC regelmäßig um die 1,2 liegt? Die Punkte in den wichtigen Fächern für das Studium, Biologie und Chemie (10 bzw. 9) entsprechen den Noten Gut und Befriedigend.
Im Mai 2011 legt Jule bei einem Nachholtermin den Medizinertest ab und erhält im Juni das Ergebnis:
Ich liege mit meinem Testergebnis acht Prozent über der durchschnittlichen Leistung und konnte bei 84% der in Hamburg in diesem Jahr getesteten Kandidaten leistungsmäßig mithalten. Das heißt: Nur 16% der Leute waren besser als ich, 84% waren schlechter oder gleich gut. Und während die anderen Bewerber, die entweder gar nicht oder zentral getestet werden, fast alle noch auf ihr Ergebnis oder ihre Zulassung warten, halte ich meine Studienzulassung bereits in der Hand. Yes!!! Es gibt auch mal Dinge, die nicht nur auf Anhieb funktionieren, sondern auch einfach genial laufen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, diesen Weg zu gehen. Meiner Hausärztin und jenem Prof, der mir eine Empfehlung geschrieben hat, verdanke ich das: Ich darf ab Februar 2012 studieren!
– Jule, 7. Juni 2011
Am 2. April 2012 beginnt sie zum Sommersemester gemeinsam mit Marie das Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg. Ohne Abitur, ohne Fachhochschulreife, ohne Berufsausbildung - dank der Empfehlung des Superprofs.
An dieser Geschichte ist wirklich alles falsch, wie das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) auf Nachfrage bestätigt.
Der Test, den Jule ablegt und ausführlich beschreibt, scheint der TMS zu sein. Für das Medizinstudium in Hamburg muss man allerdings den HAM-NAT bestehen, der ganz anders aufgebaut ist. 2011 gab es dafür zudem nur einen Termin am 12.08.2011 und keinen Nachholtermin. Ein Medizinstudium konnte man außerdem nur zum Wintersemester beginnen, nicht aber zum Sommersemester.
Ein Hochschulzugang ohne Abitur oder Fachhochschulreife ist im Hamburgischen Hochschulgesetz (HmbHG) in den §§37 Abs. 3-8 (Meister, Fachwirte und vergleichbare) oder 38 (Eingangsprüfung) geregelt. Jule fehlen jegliche Voraussetzungen für das Studium und ein Zugang auf Grundlage einer professoralen Empfehlung ist an der Uni Hamburg nicht bekannt.
Jule selbst erklärt ihre Hochschulzulassung später mit „Begabtenförderung'. Die gibt es in Hamburg zwar, aber nicht für Studiengänge, die über die ZVS laufen. Humanmedizin fällt also nicht unter diese Förderung. Abgesehen davon hätte Jule für ein solches „Juniorstudium' wirklich außergewöhnliche Leistungen bringen und beispielsweise eine Klasse überspringen müssen.
Selbst auf Jules Blog kommen in den Kommentaren an diesem Punkt leise Zweifel an ihrem Weg an die Uni auf. Dabei wird Jule gleich zu Studienbeginn der Star ihres Semesters und von 150 Kommilitonen frenetisch gefeiert, weil sie für die BOBs nominiert wurde – einen Preis, den außerhalb der damaligen Blogosphäre eigentlich niemand kennen dürfte. So richtig ernst hat es Jule mit ihrem Wunsch nach Anonymität auch nicht genommen.
Auftritt Superprof, Teil 2
Im April 2014 wechselt Jule auf der Flucht vor ihrer stalkenden Mutter Hals über Kopf mitten im Semester die Universität und zieht zum 1. Mai nach Bayern.
Maries Mutter hat am letzten Sonntag mit jenem Professor telefoniert, der mir vor ziemlich genau drei Jahren meinen Studienplatz eröffnet hat. Sie hat ihn bei einer Veranstaltung erreicht und er hat ihr spontan zugesagt, sich am Dienstag mit mir an einer Uni zu treffen, an der ich gerne studieren möchte. Damit hätte ich natürlich niemals gerechnet, ich hatte gehofft, er würde dort anrufen. Aber so war es natürlich noch besser. Er wollte dort zusammen mit mir mit dem Präsidenten der Uni zu reden, um einen Wechsel innerhalb eines Semesters, der normalerweise nicht möglich ist, unbürokratisch anzuschieben.
– Jule, 19. April 2014
Der Superprof, laut Jule ‚ein weltweit geschätzter und gefragter Experte in seinem Fachgebiet', reist umgehend von Hamburg nach Bayern und macht beim Uni-Präsidenten den Wechsel klar, da es ihm ein bedeutendes persönliches Anliegen ist, dass Jule ihr Studium ungestört fortsetzen kann. Und das tut sie auch: Ein Blick auf ihre Vita zeigt, dass sie ihr Studium sogar in Rekordzeit durchgezogen hat, trotz Wechsel der Uni und einer späteren Auszeit wegen Stalkern.
Eigentlich muss man es schon gar nicht mehr erwähnen: Auch am neuen Studienort, der offiziell unbekannt ist, den man aber als Regensburg identifizieren kann, bekommt Jule in Nullkommanichts eine tolle, barrierefreie Wohnung hinterhergeworfen, in die später auch Marie einzieht, die nicht alleine in Hamburg zurückbleiben will. Und kaum tritt sie dort ihr Studium an, wird sie auch schon als die berühmte Jule Stinkesocke mit 2,75 Millionen Blog-Besuchern geoutet.
Trotzdem kann sich kein (ehemaliger) Medizinstudent/-studentin in an sie erinnern, weder in Hamburg, noch in Bayern.
Jules Wohnungen
Jules Eltern besitzen ein EFH in Hamburg-Lurup voller Stufen und Treppen, das nicht behindertengerecht umgebaut werden kann. Man fragt sich zwar, wie dieses Gebäude konstruiert ist (mehr als eine Treppe nach oben und eine in den Keller erscheint bei 3 Bewohnern eher unwahrscheinlich) und angesichts der Tatsache, dass Jule nun rund eine dreiviertel Million Euro besitzt, sollte ein Umbau kein großes Ding sein.
Abgesehen davon ist das Verhältnis zwischen Jule und ihren Eltern sehr schlecht, was man sicher mit einer Familientherapie in Griff bekommen könnte. Aber Jule möchte mit ihren 16 Jahren unbedingt allein wohnen, am liebsten in einer behindertengerechten WG. Noch im Krankenhaus tut sich plötzlich eine Möglichkeit auf:
Eine Rollstuhlfahrerin, die ich entfernt vom Sport kenne, möchte von zu Hause ausziehen und sucht ebenfalls einen WG-Platz, zusammen mit ihrem Freund. Sie sind 18 bzw. 20 Jahre alt. Außerdem hat eine 24-jährige, die zwar schon länger als ich, aber trotzdem noch relativ neu im Rollstuhl sitzt, ganz lockeres Interesse gezeigt. Sie will es sich überlegen, aber grundsätzlich möchte sie schon auf lange Sicht von zu Hause raus.
– Jule, 28. April 2009
Wenig später meldet noch ein weiteres Paar, Sofie und Frank, beide Rollstuhlfahrer, großes Interesse an. Eine 6er WG soll es werden. Fehlt nur noch eine geeignete Wohnung, die barrierefrei und bezahlbar ist.
Der Wohnungsmarkt ist in Hamburg genauso angespannt wie anderer Orts auch. Aber bei Jule läuft es wie am Schnürchen. Sie findet nicht nur 5 potentielle Mitbewohner, sondern auch gleich die passende WG-taugliche Wohnung: Über die zentrale Wohnungsvergabestelle für Rollstuhlfahrer in Hamburg bekommen die sechs umgehend eine rollstuhlgerechte Wohnung in Eimsbüttel, die seit Monaten leer steht und sich wegen ihrer Größe optimal als WG-Wohnung eignet. Erstbezug. Sie zeigt im Blog sogar Bilder von der Wohnungsbesichtigung. Auf den Fotos kann man 3, vielleicht auch nur 2 Zimmer zählen.
Aber laut Jule residiert die WG ab Juni 2009 in einer Wohnung mit 5 oder 6 Zimmern auf insgesamt fast 250m², im Nordwesten Hamburgs zwischen Volkspark und Niendorf, es läuft alles gut und Jule erzählt viele lustige WG-Anekdoten.
Leider ist diese WG fernab von jeder Realität. Das Bezirksamt Wandsbek ist im gesamten Stadtgebiet Hamburg zuständig für die Vermittlung von rollstuhlgerechtem Wohnraum. Es äußert sich auf Anfrage dazu wie folgt:
Als allgemeine Einschätzung können wir sagen, dass die zentrale Vergabe für rollstuhlgerechte Wohnungen derartige Wohnungen wie beschrieben nicht für Wohngemeinschaften (WG) vermittelt. Es ist immer ein Dringlichkeitsschein erforderlich, der für WG nicht erteilt wird.
5-Zimmer-Wohnungen sind Familien vorbehalten, haben jedoch keine 250 qm. Im Bezirk Eimsbüttel gibt es keine rollstuhlgerechte Wohnung dieser Größe im sozialen Wohnungsbau, die in der genannten Zeit (2008/2009) neu gebaut wurde. Freifinanzierte Wohnungen werden hier in der Regel nicht gemeldet. Sehr große Wohnungen sind rar und stehen erfahrungsgemäß nicht lange leer.
– Bezirksamt Wandsbek
Das Wunderwohnprojekt
Ganz plötzlich, wie aus heiterem Himmel, beschließt Jule im Mai 2011 aus der großen WG-Wohnung in Eimsbüttel auszuziehen – und der Rest der WG gleich mit. Grund dafür ist das Wunderwohnprojekt, das wie ein Pilz aus dem Boden schießt.
Jules Mitbewohner/Hausjurist Frank hat einen Buddy, dem ein altes Fabrikgebäude gehört: Riesige Fabrikhalle, an einem idyllischen Kanal, etwa 400 Quadratmeter Grundfläche, 30 Meter hoch, es sind bereits fünf Zwischendecken und zwei Personenaufzüge eingebaut worden. Frank beschließt, zwei Etagen anzumieten und als rolligerechte WGs auszubauen: Acht bis zehn Zimmer plus großer Gruppenraum pro Etage entstehen. Dieses Wohnprojekt ist dazu ein echtes Schnäppchen: Kosten pro Monat etwa 4.000 Euro Kaltmiete plus Umlagen. Und Frank hat noch ganz andere Pläne:
Abgewickelt wird das ganze über eine extra zu diesem Zweck gegründete Gesellschaft (um das finanzielle Risiko überschaubar zu halten, denn er will natürlich nicht oder nur begrenzt privat haften müssen). Dieser vermietet dann sowohl an Privatpersonen als auch an einen Verein, der Sportler mit Behinderungen fördert. Die Idee dahinter ist, eine Art Sportler-WG für behinderte Sportler zu gründen und die Sportler mit Hilfe dieses Vereins mit allem zu versorgen, was sie brauchen. Also mit Anbindung an eine Schule oder an die Uni, bei gleichzeitiger sportlicher Förderung und eventuellen Pflegeleistungen, sofern benötigt.
– Jule, 17. Mai 2011
Bereits am 1. Juli 2011 zieht die WG geschlossen um und innerhalb von 2 Monaten hat das Projekt nochmal ganz andere bauliche Formen angenommen.
Denn es funktioniert längst noch nicht alles und es gab auch noch jede Menge Änderungen in den ursprünglichen Planungen. Eine Änderung: Durch extreme Brandschutzauflagen mussten die Pläne zum Innenausbau komplett überarbeitet werden. Alle Zimmer haben nun ein eigenes Bad (bis auf zwei Zimmer, die sich ein mittiges Bad teilen), dafür gibt es aber nur sieben Bewohner pro Etage statt geplanten 10. Ein Raum, der als achtes Bewohnerzimmer geplant war, durfte wegen Brandschutzauflagen nicht als Schlafzimmer verwendet werden. Dritte Änderung: Es gibt drei Etagen statt geplanter zwei. Damit sind die oberen drei Stockwerke komplett mit dem Wohnprojekt belegt.
– Jule, 7. Juli 2011
Respekt für diesen flexiblen Innenausbau in Rekordgeschwindigkeit. Jule veröffentlicht sogar einen detaillierten Aufteilungsplan ihres Stockwerks:

Eine riesige Dachterrasse gibt es für die Rolli-Sportler-WG über 3 Stockwerke auch noch als Tüpfelchen auf dem i.
Nach Jules zahlreichen Angaben ist diese Fabrik zu finden: es handelt sich um die historische Schokoladenfabrik in der Wendenstraße 130, 20537 Hamburg-Hammerbrook. Sie wurde im Jahre 1908 konstruiert und für den Süßwaren-Hersteller Reese & Wichmann gebaut. Im Jahre 1997 wurde das ehemalige Fabrikgelände in Hammerbrook aufwendig revitalisiert, aufgestockt und als Büro- und Wohnlofts an den Immobilienmarkt gebracht.
Kleiner Schönheitsfehler: Es gab dort nie ein inklusives Wohnprojekt über 3 Stockwerke mit 21 Zimmern.
Jules Weg zum Sport
Vor ihrem Unfall ist Jule ein echtes Pferdemädchen und teilt mit ihren drei besten Freundinnen das gemeinsame Hobby: Reiten.
Die Leidenschaft für Pferde ist übrigens ihr (finanzielles) Glück im Unglück: Ihr Vater, der sich bei der Schmerzensgeldforderung vorgeblich keinen Anwalt leisten kann, hat, als Jule anfing zu reiten, ein private Unfallversicherung abgeschlossen. Die Versicherungssumme bei Voll-Invalidität beträgt 100.000 Euro, allerdings mit einer 5-fachen Progression. Jule schlüsselt die Zahlungen, die sie nach dem Unfall erhält genau auf: Gestatten, Krösa.
Zurück zu den Freundinnen:
ich hatte so drei freundinnen wo ich gedacht hab: mit denen kannst du alles machen. über alles reden. wenn du scheiße gebaut hast kannst du die um halb 4 in der nacht anrufen ohne dass der erste satz ist: weißt du wie spät es ist?
die erste hat mich hier besucht und meinte nur: sorry aber das ist mir hier zu viel realität. nimms mir nicht übel aber ich werd dich hier eher nicht besuchen können. vielleicht telefonieren wir mal. angerufen hat sie nicht.
die zweite war hier und hat als ich noch auf intensiv lag die ganze zeit davon gefaselt dass ich bald wieder gesund bin und wir dann mal wieder zusammen reiten müssen. damals hatte ich noch eine rückenmarks quetschung im hals so dass ich noch beatmet werden musste und nichts sagen konnte. und sie hat ne halbe stunde auf mich ein geredet und nur stuss erzählt. die war dann nochmal hier als ich auf normaler station war und diese sache im hals völlig weg war und da meinte sie: wenn das geblieben wäre hätte ich mir keine freundschaft mehr vorstellen können. da fehlen einfach die gemeinsamkeiten. aber jetzt wo alles wieder weg geht bin ich sehr glücklich. da hab ich dann gesagt: das geht nicht alles wieder weg. und dann sie: naja aber es ist nicht so schlimm wie vorher. du verstehst schon. wenn es so wäre wie vorher, was soll ich dann meinen freunden sagen? ich besuche meine beste freundin im pflegeheim?
naja und die dritte kommt immer noch mal wie gesagt
– Stinkesocke, 5 Februar 2009
Nach dem Unfall muss sie feststellen, dass sich die alten Freundschaften genau wie ihr Hobby auflösen. Über ihre WG und den Sport findet sie schnell neue Freundinnen. Ende Februar 2009, sieben Monate nach ihrem Unfall, ist Jule fit genug, um Reha-Sport zu machen. Sie spielt einige Male Rollstuhl-Basketball, nachdem ihre Psychologin mit einer Trainerin von einem Sportverein einen Termin klar gemacht hat. 3 Wochen nach dem ersten Training geht sie mit einigen neuen Sportfreunden privat Schwimmen.
Im Mai entscheidet sie sich nach einem Probetraining gemeinsam mit Simone jedoch für eine andere Sportart – Paratriathlon.
Das Mädchen, das vor seinem Unfall pferdeverrückt ist und jede Minute im Stall verbringt, besucht das Pflegepferd Daisy nie wieder. Stattdessen steht nun Behindertensport und in erster Linie Triathlon-Training auf der Tages- bzw. Nachtordnung:
Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich mal zur Nachtzeit trainieren würde. Man hört und liest ja immer mal wieder, dass einzelne Sportlerinnen und Sportler in den frühen Morgenstunden joggen gehen, aber organisiertes Training zur Nachtzeit? Während andere Leute schlafen oder in Partystimmung sind?
Schon um kurz nach halb Zwei wurde ich mit einem Kleinbus abgeholt. Am Steuer saß Tatjana, die ich schon vom Trainingslager kannte. Im Auto traf ich Yvonne. Die Bänke waren ausgebaut, dort waren vier Rennrollstühle und der Alltagsrolli von Yvonne eingequetscht. Mein Alltagsrolli kam noch hinzu. Ich kuschelte mich neben Yvonne auf die Beifahrer-Sitzbank. Schon ging es los. War das aufregend!
– Jule, 27. Juni 2009
Jule findet im Verein schnell neue Freundinnen, mit denen sie nicht nur trainiert, sondern auch ihre Freizeit verbringt: Sofie, Lina, Simone, Cathleen, Nadine, Kristina, Merle, Yvonne, Lisa. Aber von welchem Verein reden wir eigentlich?
Paratriathlon
Schwimmen, Radfahren (Handbike), Laufen (Rennrollstuhl)
Paratriathlon hat in Deutschland eine sehr junge Geschichte: Ende der 90er Jahre gibt es die ersten Wettkämpfe, die 1. Deutsche Meisterschaft im Paratriathlon wird 1999 in Witten über die Sprintdistanz ausgetragen. Bei den Paralympics ist der Paratriathlon erst seit Sommer 2016 vertreten.
Obwohl Jule in ihren Blog-Posts nie den Namen eines Vereins nennt, bestätigt sie in einem Kommentar ihre Mitgliedschaft in einem bestimmten inklusiven Sportverein in Hamburg. Unsere Recherchen ergeben: In diesem Verein gab es tatsächlich eine Julia Gothe in der Kartei. Ihre zahlreichen einstigen Facebook-Freunde stammen alle aus diesem Verein, haben sie jedoch nie persönlich gesehen.
Jules inklusiver Verein hat damals keine Triathlon-Sparte und ist im Grunde kein eigener Verein, sondern die Abteilung Rollstuhlsport des Dachvereins. Dieser gründet zwar 2010 eine Triathlon-Abteilung, stellt aber keine Trainingsmöglichkeiten für Athleten mit Behinderung.
Die Abteilung Rollstuhlsport - Jules Verein - ist zwar dem DBS (Deutscher Behindertensportverband e.V.) über Landesebene angeschlossen, hat aber zur damaligen Zeit keine Paratriathlon-Sparte, vor allem weil Athleten fehlen, die diese anspruchsvolle Sportart trotz Behinderung ausüben wollen oder können. Noch dazu ist Paratriathlon eine finanzielle Frage: das Equipment ist sehr teuer, allein ein Renn-Rollstuhl kostet etwa 5000€.
Startlizenzen
Um eine DBS-Startlizenz über ihren inklusiven Verein zu erhalten, hätte Jule einige Voraussetzungen erfüllen müssen:
· Vereinszugehörigkeit - aktive Mitgliedschaft
· Nachweis der Behinderung - ein Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 20
· Sporttauglichkeit - Ein ärztliches Attest ('Sportgesundheitspass'), das nicht älter als 12 Monate sein darf
· Klassifizierung bestanden
Zur damaligen Zeit dürfte der Verein mangels Nachfrage/Notwendigkeit gar keine passive Mitgliedschaft mit Startrecht angeboten haben, abgesehen davon hat Jule das Para Schwimmtraining aktiv genutzt. Und von dem Sportgesundheitspass und einer Klassifizierung ist bei Jule nie die Rede: Bei ihrem ersten Triathlon macht sie einfach mit, weil zufällig noch Platz im Bus ist.
In Jules Verein gibt es zwischen 2009 und 2014 lediglich zwei Handbikerinnen, die dadurch die für diesen Sport benötigte DBS-Lizenz haben, aber für Wettkämpfe zusätzlich die Lizenz eines Radsportvereins im Bund Deutscher Radfahrer (BDR) benötigen, da Handbiking sportrechtlich als 'Radsport' gilt. Beide Handbikerinnen kennen Jule auf Nachfrage nicht, nicht vom Schwimmen, nicht von anderem Training, nicht von Wettkämpfen.
Paratriathleten gibt es in diesem Verein nicht, wenn auch eine der Handbikerinnen im Verein schwimmt und an dem einen oder anderen Paratriathlon teilnimmt - ohne Startlizenz von Jules Verein. Denn: Für Paratriathlon ist in Deutschland keine DBS-Startlizenz nötig, nur ein gültiger DTU-Startpass, der über die DTU-Datenbank Phoenix beantragt wird. Ausserdem benötigt man die Mitgliedschaft in einem Triathlon-Verein, der dem Landesverband angeschlossen ist.
Zur Einordnung: 2010 finden sich in ganz Deutschland nicht mal 20 behinderte Triathleten, die in sechs Leistungsklassen gewertet werden, wobei die Leistungsfähigkeit der Athleten von Klasse 1- 6 zunimmt. Jule fällt in die ‚schwächste' Leistungsklasse TRI1: Rollstuhlfahrer. Bei der Paratriathlon-DM in Hamburg 2010 tritt eine einzige Frau an - und das war 100% nicht Jule, denn sie hatte eine Sehbehinderung. Bei den Triathlon-Wettkämpfen zwischen 2012 und 2015 traten deutschlandweit nur drei Paratriathletinnen der Leistungsklasse TRI1 (später P1) an - auch hier ist keine davon Jule.
Das Vereinskonstrukt
Obwohl bis 2015 viele Beiträge sehr deutlich von Jules eigentlichem Sportverein handeln, kann Jule als Paratriathletin glaubhaft vermitteln, dass sie zwar Mitglied ist, aber bei einem anderen Verein trainieren muss und somit nicht zwingend in ihrem inklusiven Verein bekannt ist, sollte jemand Nachforschungen anstellen.
Lassen wir Jule das Konstrukt selbst erklären:
Dazu muss, weil etliche Hamburger mitlesen und falsche Schlüsse ziehen könnten, erwähnt werden, dass es nicht um den Verein geht, über den die meisten von uns ihre Sport- und Startlizenzen haben, sondern um den, der unsere Trainingsmöglichkeiten stellt. Weil gerade Paratriathlon sehr teuer ist, sind unsere Trainingsmöglichkeiten bei einem großen Hamburger Verein angesiedelt, der eine Triathlonabteilung hat und diese quasi um ein paar Rollifahrer vergrößert hat.
Dieser Verein möchte aber aus Kosten- und Strukturgründen nicht in den Behindertensportverbänden und -fachverbänden für eine handvoll Sportler teuer Mitglied werden. Unsere Sport- und Startlizenzen haben wir daher im Rahmen einer Kooperation über einen anderen Sportverein, der noch wesentlich größer ist als unser Trainingsverein, selbst Sport für Menschen mit Behinderungen anbietet, und in dem Zusammenhang sowieso Mitglied in den ganzen Behindertensportverbänden und -fachverbänden ist. Dieser möchte jedoch -wiederum aus Kostengründen- keine eigene Paratriathlon-Abteilung unterhalten.
So trainieren wir bei einem Verein und starten für einen anderen.
- Jule, https://juliagothe.com/2012/11/03/wer-was-sagen-will-muss-aufstehen/

Bei welchem Verein mit Triathlon-Abteilung in Hamburg trainiert Jule denn nun?
Jule gibt sich sehr engagiert im Vereinsleben, wird angeblich stellvertretende Jugendwartin, hilft bei Vereinsfeiern und betreut sogar Jugendfreizeiten. So weit, so gut. Der Haken daran: Bei dem 'großen Hamburger Verein', der in Frage kommen könnte, wurde die erst 2009 gegründete Triathlon-Abteilung nicht mal eben 'um ein paar Rollifahrer' vergrößert. (Und alternativ bei einem 'großen Hamburger Triathlon-Verein' ohne weitere Abteilungen ebenso wenig.)
Wir erinnern uns: Alleine Jule und ihre Freundinnen machen locker 10 Personen aus (wo auch immer plötzlich so viele junge Paratriathletinnen herkommen mögen). Sie würden ausserdem ein ganz anderes Training als 'Fußgänger' benötigen - plus Trainer mit entsprechender Lizenz, zum Beispiel für Para Schwimmen, Schulung im Umgang mit Handbikes und Rennrollstühlen sowie medizinischem Grundwissen (Besonderheiten bei Thermoregulation oder Spastiken). Wahlweise kämen Inklusions-Trainer in Frage, die aber auch nicht vom Himmel fallen.
In Jules Blog wird es so dargestellt, als würde ein ganzes Rudel junger, behinderter Mädchen beim Nachttraining im Rennrolli durch Hamburg und über den Elbdeich donnern, mit Sondernutzungs-Erlaubnis, Begleitfahrzeug und Straßensperre. Die ehrgeizigen Paratriathletinnen wären sicher nicht unbemerkt geblieben. Trotzdem kann sich niemand aus der Szene oder bei den damaligen Triathlon-Vereinen an sie erinnern: Weder die Vereine, noch der Triathlon-Verband, noch einzelne Athleten. Egal, wo wir nachfragen – niemand weiß, wer diese Mädchen gewesen sein könnten. Der 'große Hamburger Verein' hat bis heute keine Paratriathleten am Start.
Und jetzt wirds tricky, denn Jule trat gar nicht bei expliziten 'Paratriathlon'-Veranstaltungen an, sondern bei ganz normalen Triathlon-Wettkämpfen. Dafür hätte sie auch nur den DTU-Startpass benötigt und damit wäre die Mitgliedschaft in dem inklusiven Verein, der Sport- und Startlizenzen zur Verfügung stellte, nicht notwendig gewesen. Um beispielsweise bei einem Volkstriathlon zu starten, hätte sie noch nicht mal eine Vereinszugehörigkeit gebraucht. Der inklusive Verein hätte also nicht benötigte Lizenzen für eine nicht vorhandene Sparte beantragt, Jule & Co für eine Vereinsmitgliedschaft bezahlt, die sie nicht brauchen.
Auch ihre Geschichten zum 'großen Verein mit Triathlonabteilung' sind nicht nachvollziehbar. So schreibt sie am 3. November 2012 im Blog-Post 'Wer was sagen will, muss aufstehen' über die Mitgliederversammlung mit 130 Anwesenden, die angeblich am Tag zuvor stattgefunden haben soll und bei der sie sich persönlich für den Kassierer eingesetzt haben will.
Mitgliederversammlungen 2012
- Großer Hamburger Verein: 26.11.2012
- Großer Hamburger Verein - Triathlonabteilung: ebenfalls 26.11.2012
- Sehr großer Hamburger Verein, Amateursport: 19.11.2012
- Sehr großer Hamburger Verein, Abteilung Rollstuhlsport: 17.10.2012
- Sehr großer Hamburger Verein, Abteilung Triathlon: 1.11.2012
Obwohl sie ganz explizit über den 'großen Verein mit Triathlonabteilung' schreibt, fanden dessen Mitgliederversammlungen erst später statt. Bei den beiden des 'sehr großen Vereins' davor waren keine 130 Leute anwesend, sondern maximal 40. Der Blog-Post hatte nur einen Sinn: Den Kassierer zu glorifizieren.
Auch die Weihnachtsfeier 2010 'mit Struktur' im großen Hamburger Verein mit Triathlonabteilung wirft Fragen auf: Wo sollen 40 'Hamburger Rolli-Triathleten, Trainer, Helfer und Organisatoren' herkommen? Und warum ist das Grünkohlessen eigentlich das Ding des sehr großen Hamburger Vereins, Abteilung Rollstuhlsport, dessen Weihnachtsfeier laut ehemaliger Website tatsächlich mit 40 Leuten stattfindet - aller Sparten?
Paulanergarten
Um es an dieser Stelle ganz klar zu sagen: Paratriathleten trainieren im Allgemeinen nicht mit Fußgängern, und zwischen 2009 und 2014 gab es einfach keine Möglichkeit in Hamburg für Rollifahrer, in einem Verein oder einer Gruppe mit Triathleten zu trainieren. Der Grund dafür ist offensichtlich: Das Haftungsrisiko, das gesundheitliche Risiko (autonome Dysreflexie und Thermoregulation) sowie das Versicherungsrisiko.
Jules Vereinskonstrukt ist: Fake.
Ebenfalls unklar bleibt, wo Jule denn nun Schwimmen trainiert. Man kann u.a. dem Blogbeitrag Sara entnehmen, dass Jule kein passives Mitglied im inklusiven Sportverein ist, sondern aktiv mithilft. In Wie eine Mutter erzählt sie von 'Nachwuchsgruppen', die sie unterstützt und Kindern von 'drei, vier, fünf Jahren im Rollstuhl' - die ganz bestimmt nicht in einer Triathlonabteilung zu finden sind, die sich um ein paar Rollifahrer vergrößert hat und ansonsten keinen Behindertensport anbietet. Im Beitrag Anna macht Jule sogar die Hilfs-Schwimmtrainerin für Kinder mit körperlichen Einschränkungen und wird von einer ganzen Horde im Rolli umringt.
Es ist anzunehmen, dass es sich hierbei um ihren inklusiven Sportverein handelt und sie selbst dort schwimmt, da es eher unwahrscheinlich ist, dass ihr nicht vorhandener Triathlonverein auch noch zufällig Paraschwimmen anbietet. Falls Jule wirklich für einen Paratriathlon trainiert hat, sah das einzig mögliche Vereinskonstrukt (ohne Rennrollstuhl-Training) so aus:

Das ändert aber auch nichts an der Tatsache, dass Jule und ihre Freundinnen nachweislich bei keinem Triathlon angetreten sind - und niemand im inklusiven Verein Jule kennen will. Nach ihrer Blogpause war das Thema Paratriathlon dann auch gestorben und Jule trat nur noch geheinisvoll bei ein paar Open-Water-Schwimmkämpfen im 'nahen Ausland' oder auch einmal mit 'Christin' in den USA an. Auch hier ergab die Überprüfung von Startlisten und Meldeergebnissen nichts.
Mehr über Jule & Co sowie Helena in Teil 2.
Wegweiser
- Das Juleversum
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- Jule Stinkesocke Faktencheck Teil 2
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