Teil 2
Die Ehe von Monika und Reinhard Weimar war bereits vor dem Auftauchen von Kevin Pratt im Frühjahr 1986 eine emotionale Trümmerlandschaft und hatte sich zu einem klassischen, aber extrem unglücklichen Nebeneinanderherleben, entwickelt. Hinter der bürgerlichen Fassade kam es zunehmend zu massiven Konflikten, das Paar schwieg sich abends an, Streitigkeiten eskalierten - auch körperlich.
Monika suchte einen Ausweg und ging mit ihrer jüngeren Schwester Brigitte immer öfter zum Tanzen nach Bad Hersfeld.
Kevin und Monika
April 1986
Ich traf sie und war hingerissen. Sie war so jung und schön und lebendig.
- Kevin Pratt
Die Beziehung zwischen Kevin und Monika entwickelte sich innerhalb eines Monats vom Flirt zur Affäre. Ab Mai 1986 endeten die Tanzabende gegen 1 Uhr nachts regelmäßig mit einem Schäferstündchen in Weimars weißem Familien-Passat, auf dem Weg zu Kevins Kaserne in einem Waldstück nahe einer alten Teermischanlage. Sie empfanden diese Momente im Auto als "sehr schön", sie waren jung, verliebt - und erst im Nachhinein stellte sich die Frage, ob beide vielleicht einfach Sex mit Liebe verwechselten.
Wie tief kann sich diese emotionale Bindung in den gerade drei Monaten bis zum Verschwinden der Kinder entwickelt haben, wenn man bedenkt, dass Kevin kein Deutsch sprach, Monika nur bruchstückhaft Englisch und ihr ständiger Begleiter ein Wörterbuch war? Heute würde man vermutlich sagen: Zum 'Deep Talk' kam es nicht. Konnte es auch gar nicht.
Es sollte sich später vieles um sprachliche Missverständnisse drehen: Beide waren noch verheiratet, behaupteten aber, dass ihnen der Familienstand des anderen nicht so ganz klar war. Monika hielt ihn für bereits geschieden, Kevin wusste angeblich nicht, dass sie noch mit ihrem Mann zusammenwohnte.
Es blieb in Philippsthal nicht verborgen, dass Monika einen Freund hatte und sogar der unbewegliche Reinhard, der öffentlich immer wirkte, als hätte er Scheuklappen auf, kam schnell dahinter: Schwager Jürgen Z. informierte ihn über den Klatsch in den Kaliwerken. Er ließ sich jedoch mit der Erklärung seiner Frau, dass es sich nur um eine Bekanntschaft handeln würde, abspeisen und fragte nicht weiter.
Schon bald lernten Melanie und Karola Kevin kennen. Monika nahm sie einfach mit zu einem Stadtbummel und stellte erfreut fest, dass die Mädchen den Amerikaner mochten und Spaß mit ihm hatten. Ab dann gingen sie öfter zu viert in einem der nahegelegenen Badeseen schwimmen und tobten zusammen im Wasser. Ein Mann, der sich im Gegensatz zum Vater mit den Kindern beschäftigen konnte? Monika war hin und weg. Der Sommer begann gut.
Sommerferien Hessen 1986: 26.06. – 06.08.
Familie Weimar verreiste nicht – der offizielle Grund: Das Geld sollte in ein neues Auto investiert werden. In Wahrheit dürfte die frisch verliebte Monika herzlich wenig Lust gehabt haben, Zeit mit bzw. neben ihrem Gatten zu verbringen und sich auch am Urlaubsort allein um die Mädchen zu kümmern. Reinhard hingegen war sehr enttäuscht, er hatte sich auf eine erholsame Auszeit und Tapetenwechsel gefreut.

Kevin Pratt hatte Melanie und Karola liebgewonnen. Anfang Juli 1986 fuhr er mit Monika und beiden Mädchen in ein verlängertes Wochenende in Norddeutschland, im Heidepark Soltau. Dort wurde gerade der Amerika-Themenbereich mit Freiheitsstatue und Mississippi-Dampfer eingeweiht. Sie hatten eine schöne, unbeschwerte Zeit, fast wie eine kleine Familie. Reinhard blieb zu Hause. Er wusste von dieser Reise, verhinderte sie aber nicht, sondern verdrängte die Situation.
Der Wendepunkt
Monika war von Natur aus kein impulsiver, entscheidungsfreudiger Mensch. So hatte sie sich einige Wochen Zeit gelassen, bis sie den Gedanken an ein Leben mit Kevin zuließ. Nach dem Kurztrip in den Heidepark stand für sie schließlich fest, dass es mit ihm funktionieren könnte. Aber wie? Sie wollte sich ja scheiden lassen, aber nicht sofort. Für sie war die Einschulung von Melanie nach den Sommerferien ein Meilenstein: Diese sollte für das Kind unbeschwert ohne offizielle Trennung und Rosenkrieg der Eltern stattfinden.
Trotzdem sprach sie erstmals mit ihrem Mann offen über eine Scheidung und den Plan, nach Bad Hersfeld zu ziehen, falls er die gemeinsame Wohnung in Röhrigshof-Nippe nicht verlassen wolle. Sie sagte ihm zu, auch dann noch vorbeizukommen und ihm die Wäsche zu machen. Ein Anwalt hatte ihr versichert, dass beide Töchter mit Sicherheit bei ihr bleiben würden.
Reinhard war wenig begeistert - für ihn hätte alles so bleiben können, wie es war. Ob er Monika wirklich liebte oder nur aus Bequemlichkeit an der Ehe festhalten wollte, ist unklar. Er sagte auch nicht viel dazu, lediglich, dass er seine jüngere Tochter Karola behalten wolle. Da selbst ihm klar war, dass seine Chancen dafür als Schlosser im Schichtdienst ohne Ehefrau zuhause gering waren, wandte er sich an ein Heiratsinstitut und ließ die Korrespondenz über seinen Schwager Jürgen Z. laufen. Einladungen zu Treffen mit heiratswilligen Frauen nahm er allerdings nicht an, sondern fand sich nach eigener Aussage damit ab, dass seine Frau die Kinder zugesprochen bekommen werden würde.
Was für andere Männer ein Wake-up Call gewesen wäre, rief bei dem antriebslosen Reinhard wenig Reaktion und noch weniger Aktion oder Initiative hervor. Was war los mit dem Mann, fragten sich nicht nur seine Frau und die Familie, sondern auch das ganze Dorf. Denn tatsächlich war er nicht immer so gewesen.
Reinhard Weimar
Der kann doch keiner Fliege was zu Leide tun.
- Arbeitskollege
In der Krise
Reinhard war kein Alphatier. Bei allen guten Charaktereigenschaften, die er zweifellos hatte, fehlte es ihm an Ehrgeiz, Charisma und Durchsetzungsvermögen. Er hatte es gern bequem, war zufrieden mit seiner krisensicheren Anstellung bei den Kaliwerken, aber auch mit seinem Status als Familienvater und hegte keine weiteren Ambitionen. Auch in den Vereinen hielt er sich zurück und tat sich nicht mit einem Ehrenamt oder anderem Engagement hervor.
Nach dem Tod von Monikas Vater im Jahr 1983 wurde nicht er, sondern sein Schwager Jürgen Z. das Oberhaupt im Mehrgenerationenhaus Böttcher. Und obwohl er mit seiner zurückgenommenen Rolle im Familienverband durchaus nicht unzufrieden war, zeigte sich hier seine größte Schwäche: Er hatte nie gelernt, über Gefühle zu reden oder sich überhaupt verbal auszudrücken. Natürlich war ihm bewusst, dass seine Ehefrau sich immer mehr von ihm zurückzog und die Verwandschaft auf ihrer Seite stand, aber anstatt das Gespräch zu suchen, reagierte er mit körperlicher Aggression.
Häusliche Gewalt war 1986 in Deutschland keineswegs selten und wurde gesellschaftlich gerne als „Privatsache“ verharmlost. Es war noch dazu ein massives Tabuthema. Opfer schämten sich und suchten die Schuld bei sich selbst. Die gesellschaftliche Erwartungshaltung, die Ehe um jeden Preis aufrechtzuerhalten (auch zum Wohl der Kinder), war noch sehr stark. Viele Frauen waren finanziell nicht unabhängig, ein Auszug bedeutete oft den sozialen und wirtschaftlichen Abstieg, weshalb viele Frauen in gewalttätigen Beziehungen blieben.
Aus heutiger Sicht war die Rechtslage im Jahr 1986 verheerend, denn: Vergewaltigung in der Ehe war nicht strafbar. Das Züchtigungsrecht für Ehemänner war zwar historisch gesehen schon abgeschafft (formell im Gleichberechtigungsgesetz von 1958), aber in den Köpfen vieler Menschen und auch in der Rechtsprechung hielt sich die Vorstellung, dass der Staat sich nicht in das „Heiligtum der Familie“ einzumischen habe. Polizeieinsätze bei häuslicher Gewalt endeten damals oft mit dem Rat an die Eheleute, sich zu beruhigen, anstatt mit einem Platzverweis für den Täter.
Reinhard konnte mit der Ehekrise offensichtlich nicht umgehen und griff seine Frau an, immer öfter auch vor den Kindern. Sowohl der Hausarzt als auch ihr Freund Kevin Pratt stellten an Monika Hämatome fest. Sie ließ sich längst nichts mehr von ihrem Mann gefallen, da ihr klar war, dass er - besonders verbal - nicht gegen sie ankam, so dass er im Gegenzug einiges von ihr einstecken musste. Auch körperlich.
Seine älteste Tochter Melanie, die er – nach Zeugenaussagen – noch nie recht mochte, trat er, weil sie vor dem Fernseher stand und verpasste ihr eine Ohrfeige, weil sie die Badezimmertür offen ließ, als er badete. Danach blutete sie aus dem Mund und ihr fiel ein Zahn aus. Nur sein Lieblingskind Karola, das ihm als niedliche Kleine näher stand, blieb verschont.
Gesundheitliche Probleme
Mit Beginn der Ehekrise 1984 klagte Reinhard bei seinem Hausarzt über Herzstechen, Schwindel, Leistungsknick und Tumorängste. Ärztlich festgestellt wurde im Mai 1984 der Verdacht auf Fettleber und chronischer Durchfall bei Verdacht auf erhöhten Bierkonsum. Ab dem Sommer 1985 ging es mit seiner Gesundheit rapide bergab.
Um ein wenig vorzugreifen: Reinhard erschien weder zum 2. Prozess in Gießen noch zum 3. Prozess in Frankfurt und wies jedesmal ein Attest vor, zuletzt 1999: Ein Amtsarzt bescheinigte ihm, dass er weder reise- noch vernehmungsfähig sei. Grund: eine chronische Psychose, die mit "religiösen Wahnvorstellungen, depressiver Verstimmung und einer latenten Selbstmordgefahr" einhergehe. Ursache sei eine "virusbedingte Gehirnentzündung vor 14 Jahren".
Die Ursache der besagten "virusbedingten Gehirnentzündung (Enzephalitis) vor 14 Jahren" lag bei Reinhard Weimar zu aller Wahrscheinlichkeit in einem dokumentierten Insektenstich vom 14. Juni 1985. Am 17. Juni 1985 wurde Reinhard Weimar mit Zittern und Angstgefühlen ins Krankenhaus Hünfeld eingeliefert. Der Insektenstich hatte sich deutlich entzündet und es bestand Verdacht auf Blutvergiftung. Festgestellt wurden eine vergrößerte Leber und ein deutlich erhöhter Gamma-GT mit Verdacht auf Alkoholabusus sowie eine leichte Schilddrüsenüberfunktion.
Am 25. Juni 1985 war Reinhard bei seinem Hausarzt und klagte über Beklemmungen und Angstzustände. Seine Bewegungen waren deutlich verlangsamt und steif, er hielt die Arme gebeugt. Diagnose: Symptomatische Psychose (Auftreten einer Psychose als Symptom körperlicher Krankheiten) bei Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose).
Vom 1. – 22. Juli 1985 folgte nach einem Zustand der Bewußtseinstrübung ein Krankenhausaufenthalt. Dieses Mal fiel der Verdacht auf den Insektenstich als Auslöser. Die Abschlußdiagnose: Zustand nach vermutlich viraler Encephalitis mit postencephalitischem Parkinsonsyndrom und Parotitis beidseits; autonomes Schilddrüsenadenom mit Euthyreose im oberen Normbereich. Nach seiner Entlassung blieb Reinhard Weimar antriebsarm und matt.
Am 9. August 1985 fiel Reinhard Weimar beim Gang zur Toilette um und war eine Stunde ohne Bewusstsein. Er blieb fast drei Wochen, bis zum 29. August, im Krankenhaus. Ein durchgeführtes Drogen-Screening‚ bei dem allerdings keine besondere Untersuchung auf Benzodiazepine durchgeführt wurde, hatte ein negatives Ergebnis.
Am 22. Oktober 1985 tauchte Reinhard Weimar morgens um 5 Uhr hilflos benommen vor der falschen Tür, nämlich der seiner Schwägerin Ursula auf und redete wirres Zeug. Dieses Mal wurde im Krankenhaus eine Intoxikation festgestellt. Am 24. Oktober 1985 wurde in seinem Urin nachgewiesen:
- Carbamazepin-Metaboliten
- Benzodiazepine: Oxazepam und Lorazepam
Diese Wirkstoffe kommen nicht gemeinsam in einem Medikament vor, sondern nur jeweils einzeln. Reinhard Weimar gab an, solche Medikamente nie genommen zu haben und verdächtigte seine Frau Monika, ihn vergiften zu wollen. Dieser Vorwurf sollte im Prozess von Fulda noch eine größere Rolle spielen und wir kommen später darauf zurück.
Monika Weimar fand diese Unterstellung absurd und glaubte, dass ihr Mann sie mit seiner Krankheit erpressen wollte, damit sie bei ihm blieb.
Schlabbes
Im Dorf begann man Reinhard nun "Schlabbes" zu nennen - offiziell, weil er beim Denken etwas langsam war, inoffiziell, weil mit ihm nicht mehr viel los war und er sich von seiner Ehefrau Hörner aufsetzen ließ, wie man damals sagte.
Auch nach Oktober 1985 ging es ihm gesundheitlich nicht gut, das merkte er selbst am deutlichsten. In Fulda räumte er vor Gericht ein, dass er deswegen auch mit den Kindern nichts mehr unternommen hatte.Seine Schwägerin berichtete davon, dass er immer stark schwitzte und dass ein Arbeitskollege ihr erzählt habe, dass er sich bei der Schicht einfach hingelegt und den restlichen Tag verschlafen habe.
Reinhard wurde sehr ungesellig und war nicht mehr aktiv unterwegs. Am liebsten saß er mit Bier zu Hause vor dem Fernseher. Nur selten konnte er sich noch dazu aufraffen, auf den Sportplatz zu gehen. Er war seltsam verlangsamt, hin und wieder geistig abwesend und vergesslich. Er zitterte. Zuhause hatte er sowieso nichts mehr zu sagen – er brachte auch nicht mehr die Energie dazu auf.
Und seine Rolle innerhalb der Familie? Nicht nur im Dorf wurde er Schlabbes gerufen, auch sein Schwager Jürgen Z. hielt ihn für einen Schlappschwanz und teilte ihm das geradeheraus mit. Tatsächlich begann Reinhard anscheinend einen Monat vor dem Tod der Mädchen, ein Bordell in Bad Hersfeld aufzusuchen - die Bunny Bar. Das war in seinem männlichen Umfeld bekannt und verbesserte seinen Ruf als Schlabbes nicht gerade: Ein verheirateter Mann, der in den Puff gehen muss, weil seine Ehefrau lieber mit einem Ami schläft, dass der nicht endlich mal zuhause auf den Tisch haut, hieß es.
Man wundert sich zwar, dass er trotz sich seiner Lethargie von der Couch erhob. Verständlich ist es aber: Sein Eheleben lag auf Eis, er war erst Mitte 30, hatte Bedürfnisse und es ist anzunehmen, dass er sich auch einfach bei einer unbeteiligten Person aussprechen wollte.
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Ich war Monika Weimar
Monika Böttcher, Ruth E Geiger
[Anzeige*] Monika Böttcher, geboren 1958, Krankenpflegehelferin, heiratete als Neunzehnjährige Reinhard Weimar. Ihre beiden Töchter Melanie und Karola, 7 und 5 Jahre alt, wurden im August 1986 ermordet. Monika Böttcher wurde als Täterin zu lebenslanger Haft verurteilt.
Während des Wiederaufnahmeverfahrens, das am 5. Juni 1996 begann, schwieg Monika Böttcher. Hier lesen Sie ihre Geschichte.
MORDAKTE MONIKA WEIMAR
Petra Cichos
[Anzeige*] Monika Weimar wurde 1988 zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Sie soll ihre Töchter Melanie (7) und Karola (5) erstickt und erwürgt haben.
Zum ersten Mal gewährte das "Hessische Hauptstaatsarchiv" vollständige Einsicht in alle Ermittlungs- und Prozess-Akten, die originalen Verhör-Protokolle. Beweisführungen. Spurensuche. Zeugenaussagen.
Wurde Monika Weimar zurecht verurteilt? Oder war es ein Justizirrtum? Dieses Buch beantwortet viele Fragen.
Die Tage vor dem Verschwinden
Ende Juli 1986 war Kevin einige Tage im Manöver. Als er am 31. Juli zurückkam, nahm er unterbewusst eine Veränderung wahr. Er meinte, dass "etwas los war" und reagierte eifersüchtig - auf wen? Man weiß es nicht. Monika versuchte, seine Zweifel auszuräumen, doch er blieb vorsichtig, wollte es "noch einmal probieren". So richtig klar wurde nie, was Kevin da piekte.
Die Ehe war nicht kaputt.
- Reinhard Weimar
Reinhard sah nach eigener Aussage in den Wochen vor dem Mord keine Zuspitzung der ehelichen Situation. Er sagte aus, dass Monika nach Kevins Rückkehr von Donnerstag bis Sonntag, den 3. August, jeden Abend bis in die frühen Morgenstunden weggegangen war. Das verärgerte ihn zwar ein bisschen, aber er hoffte froh, dass sich seine Frau nach der Einschulung von Melanie wieder ändern würde. Er selbst wollte nicht weggehen, sondern saß wie gewöhnlich vor dem Fernseher. Eine Scheidung war für den unselbständigen Reinhard zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellbar. Er hatte zudem die Vision, dass seine Frau aufgrund von Schmerzen nicht intim mit Kevin Pratt sein könne - wie auch immer er darauf kam.
Monika Weimar sah die "abendliche leichte Verärgerung" ihres Mannes etwas anders: Er machte ihr, wenn sie ohne ihn ausging, gerne eine Szene, die oft auch mit körperlicher Gewalt einherging. Sie nahm es hin - und ging trotzdem.
Bohnen und Beef
Samstag, der 2. August, war ein herrlicher, leicht schwüler Sommertag, an dem nichts darauf hinwies, dass schon bald ein schreckliches Verbrechen geschehen würde. Monika saß mittags mit mit ihrer Mutter Gertrud und Oma Adele auf einer Bank seitlich vom Haus und sah ihren beiden Töchtern zu, die mit den Nachbarskindern spielten.
Nachmittags ernteten die Weimar-Damen Bohnen im Garten und putzten sie draußen. Dabei fiel Gertrud hin und verletzte sich am Ellenbogen. Monika fuhr sie mit dem Auto ihrer Schwester Brigitte zum Hausarzt, der die Verletzte ins Kreiskrankenhaus Bad Hersfeld überwies. Da Brigitte ihr Auto nun selbst brauchte, kehrte Monika Weimar mit ihrer Mutter in die Ausbacher Str. zurück und zitierte Reinhard herbei, damit dieser mit dem Auto vom Sportplatz bzw. seinem Bruder in Gethsemane zurückkam.
Sie brachte dann endlich ihre Mutter mit dem Familien-Passat ins Kreiskrankenhaus und ging anschließend ins Musikparadies, wo bereits Kevin Pratt auf sie wartete, um ihm Bescheid zu geben. Wenig später fuhr sie wieder heim, machte den Kindern Abendbrot und brachte sie ins Bett. Um 21 Uhr brachte sie ihrer Mutter ein paar Dinge ins Krankenhaus (diese wurde erst am 7. August entlassen) und ging anschließend zum 2. Mal ins Musikparadies, um Kevin zu treffen. Der hatte sich mittlerweile plakativ mit einer Petra getröstet, es folgten ein filmreifes Eifersuchtsdrama über mehrere Stunden, Versöhnung beim Sex im üblichen Waldstück und eine Verabredung für den nächsten Tag zum Baden.
Die Petra-Storyline nahm im Prozess von Fulda einigen Raum ein und wurde als Indiz dafür gewertet, dass Monika panische Angst hatte, dass Kevin sich von ihr trennen könnte. War es aber vielleicht nur eine alberne Szene, die Mittzwanziger gerne mal aufführen, um den anderen eifersüchtig zu machen und sich dann die große Liebe zu schwören? Im Grunde waren sie noch in der "Kennenlernphase", wie man heute sagen würde. Kevin war seit dem Manöver verunsichert, Monika struggelte mit der geplanten Trennung von Reinhard und Petra? Die wollte einfach gerne in die USA. Sie heiratete später einen anderen Soldaten der Army und folgte ihm in die Staaten.
Baden und Bier

Am Sonntag, den 3. August, brannte die Sonne schon früh vom Himmel. Monika telefonierte vormittags kurz mit Kevin, um zu vereinbaren, wann sie ihn von der Kaserne abholen sollte. Dann kochte sie gegen 11 Uhr Rouladen und Klöße. Pünktlich zum Mittagessen erhob sich auch Reinhard aus dem Bett. Alles verlief friedlich, bis er entdeckte, dass seine Frau einen Picknickkorb für den Ausflug mit den Kindern zum Kirchheimer See packte und auch Bier hineinlegte.
Der sonst beim Denken so schwerfällige Reinhard kombinierte ziemlich schnell, dass Nebenbuhler Kevin mit von der Partie sein musste, da seine Frau kein Bier trank. Und obwohl ihm Monika diesen Verdacht bestätigte, wollte er plötzlich mitfahren. Sie blockte sofort ab: Er könne nicht schwimmen und interessiere sich auch nicht für die Kinder. Und solle einfach daheim vor dem Fernseher bleiben. Punkt.
Es kam zu einer kleinen Rangelei, da Reinhard sie nicht einfach ziehen lassen wollte - wir reden von dem Mann, der bisher die Affäre seiner Frau konsequent verdrängt und totgeschwiegen hatte - doch schließlich konnte Monika die Wohnung mit ihren Töchtern verlassen. Im Hausflur trafen sie Oma Adele, die mit Einweckgläsern aus dem Keller kam, um die am Vortag geernteten Bohnen einzukochen.
Sie besuchten noch kurz Gertrud Böttcher im Krankenhaus, holten gegen 14 Uhr Kevin an der Kaserne ab und fuhren nach Kirchheim. Später gesellte sich Monikas jüngere Schwester dazu und sie verbrachten trotz drückender Hitze einen angenehmen Tag am See. Der kinderliebe Kevin spielte mit den Mädchen Ball und paddelte mit ihnen im flachen Wasser herum - beide trugen noch Schwimmflügel. Monika und Brigitte saßen die meiste Zeit im Halbschatten unter einem Baum und unterhielten sich. Gemeinsam leerten sie schließlich den Picknickkorb, die Mädchen bekamen Wurstbrote, Kevin trank das verräterische Bier.
Gegen 18 Uhr waren alle wieder zuhause, Monika machte Melanie und Karola langsam bettfertig, wusch Füße, Gesicht und Hände, kämmte und flocht die Haare, die immer noch leicht feucht waren und brachte die beiden Mädchen schließlich ins Wohnzimmer, wo sie noch mit ihrem Vater fernsehen durften. Im Ersten lief nach der Tagesschau ein melodramatischer US-Spielfilm ("Am Wendepunkt").
Monika zog sich noch kurz fürs Musikparadies um, sie entschied sich an diesem Abend für eine hellgelbe Bluse mit kleinen Würfeln, eine hellgelbe Stoffhose und halbhohe Sandaletten. Gegen 20:30 Uhr verabschiedete sie sich von ihrem mürrischen Ehemann, gab den Mädchen einen Kuss und verließ die Ausbacher Straße. Obwohl Reinhard genau wusste, warum Monika nochmal wegfuhr, sagte er dieses Mal kein Wort dazu.
Um 21:03 Uhr ging die Sonne über dem Monte Kali unter.
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Kindsmord. Der Fall Weimar
Heide Platen
[Anzeige*] Kritische Schilderung des Prozessverlaufs, der Ermittlungen und der Lebensumstände der Beklagten und der Zeugen im Fall Weimar, der im Januar 1988 mit einem umstrittenen Schuldspruch endete.
Der Fall Weimar: Kindsmord in der Provinz
Gisela Friedrichsen
[Anzeige*] Der Mordfall Melanie und Karola Weimar aus dem Jahr 1986, oft als "Kindsmord in der Provinz" bezeichnet, ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die beiden Mädchen wurden nahe ihrem Wohnort in Philippsthal (Hessen) ermordet aufgefunden, ihre Mutter Monika Weimar wurde nach einem aufsehenerregenden Prozess verurteilt, später jedoch freigesprochen.
Nacht voller Rätsel
Reinhard Weimar hatte sich an diesem Tag zweifellos seltsam verhalten. Aber nicht nur er: Während Melanie und Karola mit ihrem Vater vor dem Fernseher saßen, war Schwager Jürgen Z. nicht weit. Er gab vor Gericht an, dass er um das Haus geschlichen sei und unter Weimars Fenster gelauscht habe, um zu hören, wie die Kinder Reinhard in Abwesenheit ihrer Mutter "auf der Nase herumtanzten".
Was lag in Röhrigshof-Nippe an diesem Sonntag in der Luft? Und wer war in der Nacht überhaupt im Haus? Klar ist: Gertrud Böttcher lag im Krankenhaus, Brigitte war genau wie Monika im Musikparadies. Oma Adele weilte daheim - warum sie nicht wie so oft auf die Weimar-Mädchen aufpasste, ist unbekannt. Wenn Monika Nachtdienst hatte, tat sie das regelmäßig, an diesem Abend war aber auch das "Babyfon" aus, mit dem sie hören konnte, was in in Weimars Wohnung vor sich ging. Jürgen Z., Ursula und ihr Sohn waren mit Sicherheit da, und auch Brigittes Ehemann Raymond E. schien, nach allem was bekannt ist, den Abend in der Wohnung des Paares im 1. Stock verbracht zu haben. Die Nachbarn in den Häusern links und rechts von Böttchers waren bereits aus dem Urlaub zurückgekehrt.
Gegen 22 Uhr war der Spielfilm aus. Stille lag über der kleinen Siedlung. Die Kinder gingen ins Bett, Reinhard sagte später, er habe noch mit ihnen gebetet und sich dann ebenfalls schlafen gelegt. War das wirklich so? Zehn Jahre später behauptete die Bardame Bärbel aus der Bad Hersfelder Bunny Bar im Gießener Prozess, dass er in der Nacht vom 3. auf den 4. August bei ihr in der Bar gewesen und gegen 1 Uhr gegangen wäre. Das warf Fragen auf, konnte aber nie verifiziert werden. Die Verbindungen des Weimarschen Telefonanschlusses vom 3. und 4. August wurden beispielsweise nie ermittelt. Dabei hätte dies einige offene Fragen beantworten können. Hatte sich Reinhard in dieser Nacht ein Taxi gerufen?
Reinhard Weimar war in Gießen nicht anwesend und wurde dementsprechend nicht befragt, reagierte aber auf das Thema Bunny Bar bereits im ersten, dem Fuldaer Prozess, sehr unwirsch: Er drohte seinem Schwager Jürgen Z. mit einer Klage, sollte dieser noch einmal behaupten, er sei "zu den Go-Go-Girls gegangen und habe sich mit ihnen vergnügt".
Eine Nachbarin aus dem Haus Nr. 5 sagte in Fulda aus, sie habe in dieser Nacht um 1 Uhr schlurfende Schritte hinter dem Haus im Garten gehört. Auch das konnte nicht verifiziert werden. Ein Auto hat in dieser Nacht erstaunlicherweise niemand gehört, obwohl zumindest Brigitte und Monika spät (und getrennt) aus dem Musikparadies zurückkamen. Dort hatte an diesem Abend keine Petra gestört. Für Monika und Kevin endete der Sonntag wie immer mit einem Liebesakt im Auto.
Währendessen kehrte Monikas Schwester Brigitte, die den Abend ebenfalls im Musikparadies mit ihrem neuen Freund Billy verbracht hatte, gegen 1:30 Uhr zurück. Gegen 2:30 Uhr wurde sie von ihrem Noch-Mann geweckt, der ihr sagte, dass die Kinder unten bei Monika schreien würden. 10 Minuten später gingen beide nach unten in die Weimar-Wohnung und fanden Karola laut weinend, verstört und eingenässt im Flur. Brigitte wechselte Karolas Höschen und brachte sie wieder ins Bett, während Raymond E. im Flur wartete. Laut ihrer Aussage bewegte sich Melanie während dieser Aktion nicht. Vom Vater war nichts zu sehen.
Niemand sonst hat das Kind in dieser Nacht weinen gehört - weder Familie Z., die direkt nebenan wohnte, noch Oma Adele. Reinhard sagte später aus, dass er nichts davon mitbekommen habe.
Etwa 2-3 Wochen vor diesem Vorfall hörte Reinhard Weimar nachts noch gut: Er entdeckte Karola, die in normaler Lautstärke geweint hatte, eingenässt im Esszimmer auf der Bank und wechselte das Höschen. Oma Adele bestätigte dies indirekt – sie sagte aus, dass Karola grundsätzlich sauber war und nicht mehr ins Bett gemacht habe, aber einmal sei dies noch vorgekommen, da sie wohl den Lichtschalter nicht gefunden hatte.
Monika Weimar kam erst nach 3 Uhr nach Hause.
Spoiler
Was passierte in den nächsten 12 Stunden? Am 4. August wurden Melanie und Karola Weimar von Monikas Schwester Brigitte am frühen Nachmittag als vermisst gemeldet, was eine beispiellose Suchaktion im Grenzgebiet über mehrere Tage hinweg auslöste. Demnächst hier auf Imperial Crimes.
Melanie Weimar wäre heute 46 Jahre, ihre Schwester Karola 45 Jahre alt.
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