Teil 3
Obwohl der Himmel über Philippsthal Anfang August 1986 wolkenlos war, waren einige dunkle Schatten aufgezogen. Monika hatte sich zwar grundsätzlich für ein Leben mit Kevin entschieden, doch dieser hatte Zweifel an der Beziehung bekommen - aus seiner Sicht zögerte sie die Scheidung immer weiter hinaus, obwohl es dafür keinen schlüssigen Grund gab. Sie waren sich doch einig, right?
Die Sommerferien waren fast zu Ende und das Ehepaar Weimar wohnte immer noch zusammen, teilte Tisch und Bett.
Das Verschwinden
Montag, 4. August 1986
Monika war am Vormittag mit Erledigungen in der Umgebung beschäftigt gewesen und hatte nach ihrer Rückkehr die Rouladen vom Vortag aufgewärmt. Sie schickte Reinhard, der auf der Couch lag, mit dem Auftrag nach draußen, die Kinder zum Mittagessen hereinzuholen. Aber er suchte vergeblich nach ihnen, so dass er schließlich gemeinsam mit seiner Frau auf der Straße und dem Spielplatz nach Melanie und Karola rief.
Während er noch weiter die Gegend um die Häuser absuchte, ging Monika zurück und fragte ihre Schwestern Brigitte und Ursula sowie Oma Adele nach den Mädchen, danach auch einige Nachbarinnen. Doch niemand wusste, wo sie sich aufhielten. Waren sie vielleicht mit anderen Kindern zum Drachen steigen lassen gegangen? Oder zum Schwimmen? Die Nachbarin Frau N. aus Haus Nr. 1 hatte am Tag zuvor eine Schafherde gegenüber gesehen. Waren die Mädchen dem Schäfer gefolgt?
Um 13:35 Uhr ging ein Anruf bei der Polizeistation in Bad Hersfeld ein: Brigitte meldete ihre Nichten Melanie und Karola als vermisst. Kurze Zeit später trafen die ersten Kräfte der Schutzpolizei in Röhrigshof-Nippe ein. Im Gegensatz zu allen anderen der Familie, die aktiv nach den Kindern suchten, saß Monika stoisch vor dem Haus - und rauchte.
Die Spur führte zum Taubenhaus

Das Taubenheim Heimboldshausen ist einen Brieftaubeneinsatzstelle, die von den Einwohnern kurz als Taubenhaus bezeichnet wird. Sie liegt nur wenige 100 Meter hinter dem Wohnhaus der Familie Weimar an einem einsamen Punkt im Wald. Ein schmaler Weg führt neben den Garagen der Ausbacher Str. dorthin, der auch mit dem Auto befahren werden kann. Obwohl das Taubenhaus 1986 nie Anlass zu weiteren Ermittlungen oder Untersuchungen gab, führten einige Spuren genau dorthin.
Reinhard beteiligte sich bis 16:30 Uhr aktiv an der Suche und wurde gesichtet, als er an der Taubeneinsatzstelle (und an einem fünf Kilometer von Röhrigshof-Nippe entfernt gelegenen Kirmes-Platz) nach den Kindern fragte.
Monika bewegte sich an diesem Nachmittag nicht mehr groß vom Haus weg, zeigte aber in einer Hinsicht Initiative: Gegen 14:30 Uhr rief sie Verwandte an, da dort auch der Polizist Franz K. mit seinem Spürhund wohnte. Dieser kam umgehend mit seiner Tochter und dem Hund vorbei, der an den Schlafsachen der Kinder roch und Witterung aufnahm – zuerst ging er bis zum Spielplatz vor dem Haus Nr. 1 und dann direkt zum Taubenhaus, wo er mehrere immer größer werdende Kreise zog. Auch die Zollhunde reagierten nicht anders.
Es war die letzte greifbare Spur.
Dienstag, 5. August 1986
Monika konnte den Ermittlern am Tag nach dem Verschwinden von Melanie und Karola einen dezidierten Zeitablauf präsentieren.
09:30 Uhr - Melanie und Karola standen auf und wurden von ihr für den Tag fertiggemacht.
10:30 Uhr - Die beiden Mädchen gingen zum Spielen nach draußen.
11:20 Uhr - Monika fuhr mit dem Familien-Passat nach Heimboldshausen und Philippsthal. Auf dem Weg blieb sie am Spielplatz vor Haus Nr. 1 stehen und fragte ihre Töchter, ob sie mitfahren möchten. Sie wollten jedoch auf dem Spielplatz bleiben und auf andere Kinder warten.
11:35 Uhr - Sparkasse in Heimboldshausen - Monika holte Kontoauszüge ab und zahlte Geld ein, fuhr dann zur nahegelegenen örtlichen Poststelle weiter.
11:45 Uhr - Post - Monika zahlte für ihre Mutter Geld ein, fuhr anschließend zum Kontra-Markt nach Philippsthal und kaufte zwei Becher Schmand sowie zwei Orangeneis.
12:20 Uhr - Monika fuhr vom Kontra-Markt aus nach Hause. Auf der Rückfahrt schlug ihr ein Stein von einem überholenden LKW in die Windschutzscheibe, die daraufhin zersplittert sei.
12:40 Uhr - Ankunft in Röhrigshof-Nippe
Reinhards Tagesablauf war schnell besprochen: Er sagte aus, dass er bis 12:00 Uhr geschlafen habe; nachdem er auf die Couch umgesiedelt war, kam seine Frau in die Wohnung, die Kinder waren nicht dort.
Die Zeitangaben von beiden Eheleuten sollten sich im Laufe der Ermittlungen noch mehrere Male ändern.
Mittwoch, 6. August 1986
Die Suchaktion weitete sich immer mehr aus, mittlerweile waren auch Hubschrauber im Einsatz.
Die Kriminalpolizei hatte Monikas Zeitangaben zu ihrem Aufenthalt bei Sparkasse und Post am Vortag überprüft und herausgefunden, dass die Poststelle bereits um 11 Uhr geschlossen hatte und die Überweisung bei der Sparkasse vor 11 Uhr abgegeben worden war.
Monika vermutete nach einer Konfrontation mit diesen Unstimmigkeiten, dass sie sich wohl in der Uhrzeit getäuscht habe und bereits eine Stunde früher unterwegs gewesen sei. Ihre Nachbarin Frau S. habe ihr gesagt, dass sie bereits um 11.30 Uhr wieder zu Hause gewesen sei und nach den Kindern gefragt habe.
So ganz kommt der angegebene Tagesablauf jetzt zeitlich nicht mehr hin, aber man könnte davon ausgehen, dass sie etwa um 10:30 Uhr losgefahren ist und die Mädchen einfach schon früher draußen beim Spielen waren.
Sowohl Monika als auch Reinhard sprachen in den Tagen nach dem Verschwinden mit der Polizei über ihre Eheprobleme und Monikas Freund Kevin Pratt. Die Ermittler fragten sich: Hatte die Mutter ihre beiden Töchter "bei den Amerikanern" versteckt, um sie dem Vater wegzunehmen? Oder bei der Familie? Die Polizei durchsuchte alle Wohnungen in der Ausbacher Str., sogar den Hof von Reinhards Eltern sowie das Haus seines Bruders.
Doch die Mädchen blieben wie vom Erdboden verschluckt.

Die Presse war im Sommerloch und nahm den Vermisstenfall bereitwillig als Anlass für eine Berichterstattung. Erste Medienvertreter erschienen in Philippsthal und machten Fotos von Monika und Reinhard. Die Eltern posierten im Sandkasten vor dem Haus Nr. 1, auch auf den viel zu kleinen Kinderfahrrädern. Es sind anrührende Fotos, die den Lesern ans Herz gingen und eine große Hilflosigkeit in dieser einsamen Umgebung zeigten.
Monika und Reinhard wirkten wie das typische Paar aus der Arbeiterklasse. Die Menschen in Deutschland konnten sich mit der jungen Familie identifizieren und die Verzweiflung über das Verschwinden der beiden Mädchen spüren. Viele beteten für einen guten Ausgang und hofften, dass die Kinder gesund gefunden wurden. Sie konnten sich doch einfach im weitläufigen Wald verirrt haben?
In der Umgebung von Philippsthal wurden bis nach Bad Hersfeld Suchplakate verteilt.

Melanie und Karola
In den letzten 40 Jahren wurde viel über Monika und Reinhard Weimar geschrieben, wenig über die beiden Kinder. Es waren sehr nette Mädchen, sagten alle, die sie kannten, immer hübsch angezogen, mit Grübchen in den Wangen. Sie sahen sich nicht besonders ähnlich, hatten ganz unterschiedliche Charaktere, waren aber ein unzertrennliches Duo und teilten sich ihr kleines Kinderzimmer.
Gerüchteküche
Beide Mädchen waren absolute Wunschkinder, die jüngere Karola wurde aber immer als das "Lieblingskind" von Reinhard bezeichnet, im Falle einer Scheidung wollte er sie sogar bei sich behalten. Zu Melanie schien er keinen rechten Draht zu haben, im Gegensatz zu ihrer Schwester schlug und schubste er sie einige Male, wie er selbst zugab. Warum machte er einen solchen Unterschied zwischen den Schwestern?
In den Ermittlungsakten findet sich eine Notiz über Gerüchte "aus der Bevölkerung". Der Dorftratsch drehte sich um Reinhard: Er sei gar nicht der Vater von Melanie, erzählte man sich hinter vorgehaltener Hand, da das Mädchen außergewöhnliche rote Haare hatte, er jedoch dunkelbraune.
Jürgen Z., der Ehemann von Monika Weimars Schwester Ursula, hatte hingegen rötliche Haare. Journalistin Heide Platen schrieb später über ihn: "Der stämmige rothaarige Mann in der Lederjacke [...] hat sich seinen Gestus offensichtlich bei denen abgeschaut, die er für Helden hält, ein Seewolf-Verschnitt." - der Gegenpart zu Reinhard, dem "Schlabbes".
Jürgen war damals im Dorf angeblich als "Schürzenjäger" bekannt und einige Jahre älter als Monika. Als diese 15 Jahre alt, er bereits über 20 und mit ihrer Schwester verlobt war, kam es zu einem eigentümlichen Vorfall: Er fragte seine zukünftige Schwägerin bei einer Autofahrt, ob sie mit ihm schlafen wolle. Wollte sie aber nicht. Erst 1986, ganze 13 Jahre später, erwähnte sie den Vorfall ihrer Schwester Ursula gegenüber, als diese ihr Vorhaltungen wegen der Affaire mit Kevin Pratt machte. Ursula reagierte auf diese späte Beichte sehr angesäuert.
Oma Adele sagte während der Ermittlungen zu den Spekulationen im Dorf, dass Monika zu allen Familienmitgliedern ein gutes Verhältnis habe, besonders zu ihrem Schwager Jürgen. Das Gerücht stimme aber nicht und Reinhard sei auf seine Vaterschaft immer sehr stolz gewesen. Sein Großvater solle einen roten Schnurrbart gehabt haben, auch ihr Sohn Walter habe kastanienrotes Haar.
Jürgen selbst verneinte das Gerücht vehement, genau wie Monika selbst. Es ist nicht bekannt, ob es je einen DNA-Abgleich gab.
Und Reinhard? Er hatte keinen Zweifel an der Vaterschaft - schließlich war das Kind kurz nach der Hochzeitsreise gezeugt worden - konnte aber den Grund für die Bevorzugung von Karola selbst nicht benennen. Sie war eben zugewandter und anhänglicher, meinte er.
📖 Lesenswert
Ich war Monika Weimar
Monika Böttcher, Ruth E Geiger
[Anzeige*] Monika Böttcher, geboren 1958, Krankenpflegehelferin, heiratete als Neunzehnjährige Reinhard Weimar. Ihre beiden Töchter Melanie und Karola, 7 und 5 Jahre alt, wurden im August 1986 ermordet. Monika Böttcher wurde als Täterin zu lebenslanger Haft verurteilt.
Während des Wiederaufnahmeverfahrens, das am 5. Juni 1996 begann, schwieg Monika Böttcher. Hier lesen Sie ihre Geschichte.
MORDAKTE MONIKA WEIMAR
Petra Cichos
[Anzeige*] Monika Weimar wurde 1988 zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Sie soll ihre Töchter Melanie (7) und Karola (5) erstickt und erwürgt haben.
Zum ersten Mal gewährte das "Hessische Hauptstaatsarchiv" vollständige Einsicht in alle Ermittlungs- und Prozess-Akten, die originalen Verhör-Protokolle. Beweisführungen. Spurensuche. Zeugenaussagen.
Wurde Monika Weimar zurecht verurteilt? Oder war es ein Justizirrtum? Dieses Buch beantwortet viele Fragen.
Der dunkelste Tag
Drei Tage lang wurde fieberhaft nach den Kindern gesucht. Der ganze Ort, die Polizei, sogar Soldaten der US-Army aus Bad Hersfeld waren daran beteiligt. Am Nachmittag des 7. August 1986 wurden die Leichen der beiden Mädchen an zwei verschiedenen Parkplätzen einige Kilometer von Philippsthal entfernt aufgefunden, zuerst Melanie gegen 16:25 Uhr, kurz darauf gegen 18:05 Uhr Karola. Noch am selben Abend wurden die Eltern Weimar benachrichtigt.
Donnerstag, 7. August 1986
Sie hatten tagelang den Wald durchkämmt, jeden Gullydeckel angehoben, in jeden Kanal und Schacht gesehen.
Es war der Busfahrer Hans-Georg Führer, der die Suche nach den Mädchen beendete. Er hatte einen Parkplatz auf der Landstraße 3255 zwischen Wölfershausen und Herfa angefahren, um eine Kaffeepause einzulegen. Als er eine Gardine an einem Seitenfenster seines Busses geradeziehen wollte, fiel sein Blick auf eine dichte Brennesselwand, die sich vor einer Böschung zum nächsten Acker gebildet hatte.

Fund von Melanie, Quelle: Unbekannt
Ein kurzer Windstoß bewegte die Brennesseln und Führer nahm hinter den Brennesseln die Beine eines Kindes wahr. Die Polizei wurde verständigt, die tote Melanie geborgen. Eine intensive Nachsuche an den umliegenden Rastplätzen führte zum Auffinden des Körpers von Karola gegen 18 Uhr an einem stillgelegten Straßenstück im sogenannten "Bengendorfer Grund", fast vier Kilometer vom anderen Fundort entfernt.

1 – Haus Familie Weimar 50°50’42.9″N 9°56’25.8″E
2 – Fundort Melanie 50°52’37.6″N 9°58’24.0″E
3 – Fundort Karola 50°53’53.0″N 9°57’50.6″E
Entfernungen
Wohnhaus – Fundort Melanie: 8,5 km (11 min mit dem Auto)
Wohnhaus – Fundort Karola: 11 km (13 min)
Fundort Melanie – Fundort Karola: 3,8 km (4 min)
Ein schwerer Gang
Ein Kriminalkommisar überbrachte den Eltern an diesem Donnertag die Nachricht vom Fund der Leiche von Melanie gegen 18:00 Uhr, von Karola gegen 20:00 Uhr in der Ausbacher Str. 3. Monika schrie und klammerte sich an den Beamten. Der Hausarzt Dr. Sayer wurde gerufen, spritzte beiden ein Beruhigungsmittel und hielt es es wegen "nicht auszuschließender Suizidgefahr" für sinnvoll, die Eheleute in dieser Situation nicht sich selbst zu überlassen.
Gertrud kümmerte sich in Weimars Wohnung um ihre Tochter, während Reinhard von seinem Bruder Günther und dessen Ehefrau mit in ihre Wohnung genommen wurde, wo er in den folgenden Monaten auch blieb.
Freitag, 8. August 1986
Am nächsten Tag wurde die Obduktion durchgeführt. Die Diagnose der Gerichtsmedizin lautete bei Karola auf Tod durch Erwürgen, bei Melanie auf Tod durch Ersticken, möglicherweise unter weicher Bedeckung. DNA-Tests konnten zu dieser Zeit noch nicht durchgeführt werden, die Leichen der beiden Kinder wurden bereits für den Sonntag zur Bestattung freigegeben.
Schnell ging das, sehr schnell, und so vieles musste organisiert werden. Keine Zeit zu trauern, keine Zeit, den Tod der Mädchen zu verarbeiten.
Die Eheleute Weimar waren nicht nur medikamentös ruhiggestellt, sondern komplett überfordert, so dass ihnen die Verwandtschaft das meiste abnahm und dabei eine sehr pragmatische Herangehensweise an den Tag legte. So kam man sich über die Frage in die Haare, ob für den Leichenschmaus ("Leid", wie man diese Zusammenkunft in der Gegend nannte) genügend Kuchen vorhanden war und ob Kuchen für die Trauergäste nach der Bestattung von Kindern überhaupt üblich sei.
Samstag, 9. August 1986
Vater, wenn die Mutter fragt: 'Wo sind unsere Kinder hin?', dann sage ihr, daß wir im Himmel sind.
Sonntag, 10. August 1986
Auch Gott holt dich ein. Er ist zornig. Auch er weint. Stell dich!
- Pfarrer
Die Anteilnahme der dörflichen Gemeinschaft war riesig, der kleine Friedhof in Röhrigshof voll mit Menschen. Am Sonntag, den 10. August 1986 wurden Melanie und Karola beerdigt, zwei kleine, weisse Kindersärge in die Erde gelassen. Es herrschte eine extrem emotionale, aber zugleich auch sichtlich angespannte Atmosphäre.
Bei dieser traurigen Gelegenheit traten die Eheleute Weimar ein letztes Mal gemeinsam auf.
Fotos und Fernsehaufnahmen der Medienvertreter zeigen Monika und Reinhard nebeneinander am Grab ihrer Kinder. Es fiel auf, dass die beiden physisch und emotional kaum Bindung zueinander zeigten, sich gegenseitig nicht stützten und distanziert wirkten. Monika wurde stattdessen von ihrem Schwager Jürgen am Arm gehalten und gestützt. Zu diesem Zeitpunkt war die Ehekrise der beiden bereits im Ort bekannt.
Monikas Freund Kevin war zur Beisetzung gekommen, nahm später am Leid teil.
Auch Beamte der eigens gegründeten Sonderkommission der Kriminalpolizei waren unter den Trauergästen anwesend. Sie beobachteten das Verhalten der Eltern und des Umfelds während der Beerdigung genau, da zu diesem Zeitpunkt bereits in alle Richtungen ermittelt wurde und der Verdacht im nahen familiären Kreis lag.
Vor dem Kindergarten in Philippsthal, den die Mädchen besucht hatten, wurde zur gleichen Zeit eine kleine Gedenkstätte errichtet - dekoriert mit Bildern und Blumen.
Ein Schulfach namens Mord
Philippsthal war entsetzt, der unfassbare Mord an den "Unschuldigen der Unschuldigen" Tagesgespräch. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 hatte auch die Menschen im Werratal stark traumatisiert, danach war heiss diskutiert worden, ob man die Kinder überhaupt noch zum Spielen nach draussen schicken kann. Und nun das - musste man vier Monate später wieder Angst haben? Vor einem Triebtäter?
Nachdem zunächst angenommen wurde, dass die beiden Kinder vom Spielplatz weg gekidnappt worden waren, überdachte die Gemeinde die Sicherheit der Kinder in der Arbeitersiedlung und beschloss, eine bis dahin zwei Kilometer entfernte Schulbus–Haltestelle an die Ausbacher Str. zu verlegen.
A propos Schule: Die mediale Präsenz nahm ab dem schrecklichen Fund im Laufe der Ermittlungen immer weiter zu, hunderte Journalisten belagerten den kleinen Ort. Die Philippsthaler Grund– und Hauptschule setzte deswegen kurzerhand im Fach Sozialkunde der 6. und 7. Klassen eine Wochenstunde „Mord“ auf den Unterrichtsplan. Die Schüler mussten Mappen mit allen Zeitungsartikeln anlegen und Gerücht und Wahrheit herausanalysieren.
Kinder im Alter von 11 bis 13 Jahren methodisch in die Rolle von Ermittlern oder Richtern zu drängen, überfordert ihre kognitive und emotionale Urteilskraft maßlos. Aber diese Aktion der Philippsthaler Schule war letztendlich ein Kind ihrer Zeit – geboren aus der Hilflosigkeit und dem Versuch, der massiven Medienpräsenz irgendwie pädagogisch zu begegnen.
Heute würde man fundamental anders agieren: Anstatt den konkreten Mordfall der Mädchen aus der Nachbarschaft wochenlang im Unterricht zu sezieren, würden Schulpsychologen und Krisenteams eingesetzt, um den Kindern Raum für Trauer und Angstbewältigung zu geben. Eine analytische Auseinandersetzung mit Medienberichten und Fake News (Gerücht vs. Wahrheit) würde man heute anhand von entfernten, fiktiven oder zumindest nicht die eigene Schulgemeinschaft betreffenden Beispielen durchführen, um die nötige emotionale Distanz zu wahren.
Erste Spuren
Für die Polizei sah der Fall zunächst nach trauriger Routine aus. Eine Kripo-Sonderkommission befragte neben den Eltern Weimar auch ihre Familien, Nachbarn, Bewohner der ganzen Gegend. Erste Spuren taten sich auf.
So hatte ein Zeuge einen braun-metallic lackierten Ford am Fundort von Melanie gesehen, und zwar am Montag, dem Tag des Verschwindens. Das Fahrzeug konnte trotz großer Fahndung nie zugeordnet werden.
Im Polizeibericht zur Auffindung von Karola, die 1,50 Meter von der Fahrbahn entfernt lag, wurde eine "Eindrucksspur von einem Fahrzeug" erwähnt. Wurden davon Fotos gemacht, gab es einen Reifenabdruck? Diese Spur wurde nie wieder erwähnt.
Viel zu schnell, nur einen Tag nach der Beisetzung der Mädchen, legten sich die Ermittlungsbeamten darauf fest, dass es nur zwei mögliche Täter geben könne, entweder den Vater oder die Mutter. Was der Grund dafür war, ist bis heute nicht genau klar. An den Körpern waren keine Anzeichen von sexuellem Missbrauch gefunden worden, was zu damaligen Zeit bedeutete: keine Verletzungen oder blauen Flecken im Intimbereich.
Heute würde man einen Triebtäter nicht ausschliessen, genausowenig wie eine Täterkombination. Spätestens seit den Erkenntnissen von 2021 wirken die Ermittlungen sehr eindimensional - es gab damals zwar auch andere Theorien, beispielsweise einen Unfall, aber letztendlich wurden diese nicht weiter verfolgt.
Und damit nahm ein beispielloses Justiz-Drama seinen Lauf.
Spoiler
In den folgenden drei Wochen gab es eine Mutter, die sich selbst anonyme Briefe schrieb; einen Vater, der sich "fast sicher" war, seine Töchter nicht ermordet und verbracht zu haben; einen Staatsanwalt, der entnervt hinwarf. Demnächst hier auf Imperial Crimes.
Melanie Weimar wäre heute 46 Jahre, ihre Schwester Karola 45 Jahre alt.
ℹ️ Linkbox
► Der Mordfall Weimar – Kraft und Gefahren des Sachbeweises (Gerhard Strate)
► Bizarres Komplott (Spiegel)
► Kein „off limits“ für Journalisten in Phillipstal (taz)
► Genug Kuchen für den Leichenschmaus? (LTO)






