Mordfall Weimar
August 1986: Nach dem Verschwinden der Weimar-Schwestern fokussierte sich die Polizei zunächst auf die Möglichkeit einer Entführung durch einen Unbekannten. Ein Schäfer sei durch den Ort gezogen, hieß es, ein verurteilter Straftäter war nicht vom Freigang zurückgekommen. Doch bereits kurz nach dem Auffinden der toten Mädchen kamen für die Ermittler nur noch der Vater oder die Mutter als Täter in Frage, da ein Sexualdelikt ausgeschlossen wurde. Die Ehe der Weimars war faktisch am Ende, die Mutter hatte eine Affaire mit einem US Soldaten.
Die Staatsanwaltschaft Fulda hielt erst den gesundheitlich stark angeschlagenen Vater, Reinhard Weimar, für dringend tatverdächtig, einige Wochen später dann die Mutter Monika Weimar, die sich im Laufe der Zeit immer mehr in offensichtliche Lügen und Widersprüche verstrickte. Am Ende war sie es, die verhaftet, angeklagt und verurteilt wurde, ein Geständnis gab es jedoch nie.
Der Verfahrensgang
- 1986
Monika Weimar wird am 27. Oktober wegen des Verdachts verhaftet, ihre beiden Töchter ermordet zu haben. Sie bleibt bis zu Prozessbeginn im März 1987 in U-Haft. - 1988
Landgericht Fulda
Monika Weimar wird wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht ist überzeugt, dass sie ihre Kinder erstickt habe, um ein neues Leben mit ihrem damaligen Geliebten, einem US-Soldaten, beginnen zu können. - 1997
Landgericht Gießen
Nach jahrelangen Bemühungen ihrer Verteidigung und neuen Gutachten wird das Verfahren wieder aufgenommen.
Monika Böttcher, mittlerweile geschieden, wird freigesprochen und kommt nach acht Jahren Haft auf freien Fuß. Der Freispruch basiert vor allem auf dem Grundsatz „In dubio pro reo“ (Im Zweifel für den Angeklagten), da die Beweislage als nicht mehr ausreichend für eine Verurteilung angesehen wird. - 1999
Landgericht Frankfurt am Main
Die Staatsanwaltschaft legt Revision gegen den Freispruch ein, der Bundesgerichtshof hebt das Gießener Urteil auf, und der Fall muss erneut verhandelt werden.
Monika Böttcher wird erneut wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Kammer sieht es als erwiesen an, dass sie ihre Töchter getötet hat. Die Beweiskette, insbesondere die zeitlichen Abläufe und die Unglaubwürdigkeit ihrer wechselnden Aussagen, führte zu diesem Schuldspruch. - 2006
Justizvollzugsanstalt Preungesheim
Monika Böttcher hat ihre Strafe verbüßt und wird nach insgesamt 15 Jahren Haft (unter Anrechnung der ersten Haftzeit) auf Bewährung entlassen. - 2026
Landgericht Darmstadt
Anwalt Gerhard Strate stellt einen neuen Wiederaufnahmeantrag für seine Mandantin Monika Böttcher.
Monika Böttcher beteuert bis heute ihre Unschuld. Zweifel an ihrer Täterschaft kamen immer wieder auf, weil die Forensik keine absolute Gewissheit liefern konnte und die Ermittlungen durch die dramatischen familiären Umstände von Anfang an emotional extrem aufgeladen waren. Es bleibt die Frage: Wurden alternative Szenarien zu früh verworfen?
Ein Stück Zeitgeschichte
Der kranke Vater, die untreue Mutter, eine zerrüttete Ehe, zwei tote Kinder und drei Prozesse - der 'Mordfall Weimar' ist bis heute, 40 Jahre danach, unvergessen und wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Der Wiederaufnahmeantrag von Anwalt Gerhard Strate im März 2026 ließ die alte Diskussion um die Frage: "Wer hat die beiden Mädchen ermordet?" wieder aufleben. Das Team von Imperial Crimes ist in die Archive gestiegen und bringt mithilfe alter Akten, Zeitungsberichte, Zeugenaussagen und auch neuer Spuren Licht ins Dunkel.
Ermittlungsfehler, Klischees, Stigmatisierung, medialer Druck: Der Mordfall Weimar ist weit mehr als eine menschliche und auch kriminalistische Tragödie. Er hat eine besondere Brisanz, da er ein brennglasartiger Ausschnitt der deutschen Zeitgeschichte der 80er Jahre ist und politische Spannungen, gesellschaftliche Umbrüche sowie die medialen Mechanismen dieser Ära widerspiegelt - und auch ein Stück Popkultur.
Das Leben im Zonenrandgebiet
Der Schauplatz Philippsthal war von drei Seiten von der innerdeutschen Grenze umschlossen. Diese Enge und die ständige Präsenz von Wachtürmen und BGS-Streifen schufen ein ganz eigenes, beklemmendes Mikroklima. Dazu kam die amerikanische Militärpräsenz: Bad Hersfeld, nur 25 Kilometer entfernt, war eine wichtige Garnisonsstadt. Die US Soldaten waren Teil des Stadtbildes, man traf sie in Kneipen, sie organisierten Feste, und ihre schweren Militärkonvois auf den Straßen waren Routine.
Es ging auch um soziale Enge: Der Fall beleuchtete das Milieu der Kalikumpel – eine harte, traditionelle Arbeitswelt, die durch den Fall Weimar und den medialen Ansturm plötzlich unter das Mikroskop der Öffentlichkeit geriet.
Das Frauenbild und die Moral der 80er
Der Prozess gegen Monika Weimar wurde zu einem moralischen Tribunal über ihre Lebensführung. Sie war die „untreue Mutter“, die eine Affäre mit einem US-Soldaten hatte, und das wog in der öffentlichen Meinung oft schwerer als die eigentlichen Indizien. Sie entsprach nicht dem Bild der trauernden, opferbereiten Mutter, das die Öffentlichkeit gern gesehen hätte und wurde deshalb früh vorverurteilt.
Der Fall zeigt, wie konservativ die ländliche Gesellschaft in Hessen Mitte der 80er Jahre noch war. Ihre sexuelle Selbstbestimmung wurde als Motiv für den Mord an ihren Kindern herangezogen („Sie wollte frei sein für ihren Liebhaber“).
Wendepunkt der Justiz- und Mediengeschichte
Der Mordfall Weimar war einer der ersten großen „Medienmorde“ der Bundesrepublik. Zeitungen wie die BILD und später auch Privatsender stürzten sich auf das Drama, Monika Weimar wurde wechselweise als „Monster“ oder als „Opfer der Justiz“ inszeniert.
Die juristische Aufarbeitung (Verurteilung, Freispruch im Wiederaufnahmeverfahren, erneute Verurteilung) zog sich über 13 Jahre hin. Der Fall gilt als einer der umstrittensten Indizienprozesse der deutschen Rechtsgeschichte und deckte Schwächen in der damaligen Spurensicherung und psychologischen Gutachterpraxis auf. Er bleibt ein Musterbeispiel für die Komplexität von Indizienprozessen und die Bedeutung des Zeitpunkts von rechtsmedizinischen Untersuchungen.
Newsflash
In den 1980er-Jahren war „Aktenzeichen XY … ungelöst“ weit mehr als eine bloße Fernsehsendung – es war ein gesellschaftliches Phänomen mit einer Reichweite, die heute kaum noch vorstellbar ist. Die Sendung erreichte regelmäßig 20 bis 30 Millionen Zuschauer, das entsprach teilweise Marktanteilen von bis zu 50%. Verschwundene Kinder waren ein fester, wenn auch besonders sensibler Bestandteil der Sendung. Ihr Schicksal wurde oft in Spielszenen nachgestellt, die für viele Zuschauer (besonders Kinder, die heimlich mitschauten) extrem verstörend wirkten. Diese Filmfälle brannten sich oft tief in das kollektive Gedächtnis ein.
Der Song „Jeanny“ von Falco rückte im Frühling 1986 das Thema vermisste Mädchen und Gewaltverbrechen in den öffentlichen Fokus, aber nicht durch eine bewusste pädagogische Aufklärung, sondern durch extreme Provokation, die eine gesamtgesellschaftliche Debatte auslöste. Der Text lässt viel Raum für Interpretationen, und genau das wurde zum Problem.

Musikvideo zu Jeanny, 1986
Screenshot mit KI bearbeitet
Newsflash: In den letzten Monaten ist die Zahl der vermissten Personen dramatisch angestiegen. Die jüngste Veröffentlichung der lokalen Polizeibehörde berichtet von einem weiteren tragischen Fall. Es handelt sich um ein 19-jähriges Mädchen, das zuletzt vor vierzehn Tagen gesehen wurde. Die Polizei schließt nicht aus, dass es sich hierbei um ein Verbrechen handelt.
- „Jeanny“, Falco
Der Song enthält einen fiktiven Nachrichtenbeitrag, den sogenannten Newsflash. Falco ließ diesen Text von Wilhelm Wieben sprechen, der damals einer der bekanntesten und seriösesten Sprecher der Tagesschau war. Durch Wiebens Stimme wirkte die im Lied beschriebene Suche nach dem vermissten Mädchen plötzlich beängstigend real. Der Kontrast zwischen dem Pop-Song und dem „echten“ Nachrichten-Sound erzeugte bei vielen Hörern ein tiefes Unbehagen und die Sorge, dass hier ein echtes Verbrechen als Unterhaltung „verkauft“ wurde.
Zahlreiche Radiosender in Deutschland (darunter der NDR und der BR) sowie im Ausland boykottierten das Lied und nahmen es aus dem Programm. Ironischerweise befeuerte der Boykott den Erfolg erst recht. „Jeanny“ wurde zum meistverkauften Titel des Jahres 1986 in Deutschland. Das Lied stand acht Wochen lang auf Platz 1 der deutschen Charts.
Viele Menschen wurden nur Wochen später unangenehm an diesen Newsflash erinnert, als Fernsehsender Anfang August deutschlandweit in den Nachrichten über die vermissten Weimar-Schwestern und die Suche nach ihnen berichteten. Es war die Zeit, in der Familien gemeinsam zu Abend aßen und danach im Wohnzimmer vor dem Fernseher das Abendprogramm auf einem der drei TV-Sender verfolgten.
Am Ende der westlichen Welt
Der Sommer präsentierte sich 1986 in Deutschland von seiner besten Seite. Nicht nur die Freibäder, sondern auch die Strände an Nord- und Ostsee waren überfüllt und viele Familien genossen ihre Ferien lieber daheim im eigenen Land als in den Süden zu fahren. Anfang August wurden bundesweit Temperaturen von über 30°C registriert - auch im „Land der weißen Berge“ in Hessen nahe der thüringischen Grenze.

Am Fuße des Monte Kali, einer riesigen Salzhalde des Kalibergbaus nahe der hessisch-thüringischen Grenze im Kalirevier Werra, erstreckt sich ein Bergbaurevier in Osthessen und Westthüringen. Seit 1976 wurden dort über 236 Millionen Tonnen Steinsalz aufgeschüttet. Die Kaliwerke in den Orten Heringen, Philippsthal und dem thüringischen Unterbreizbach geben fast 5000 Menschen eine Arbeit.
1986 war die Gegend das Ende der westlichen Welt. Der Monte Kali glänzte im Sonnenlicht, während direkt zu seinen Füßen der Todesstreifen verlief. In Heringen und Philippsthal blickte man direkt auf die massiven Grenzbefestigungen der DDR - die Grenze verlief zeitweise so nah an der Bebauung, dass Wohnhäuser unmittelbar an der Mauer oder dem Zaun lagen. Auf der östlichen Seite war Unterbreizbach Teil des Sperrgebiets. Wer dort wohnte, lebte in einer isolierten Welt, die nur mit Passierschein zugänglich war.
Normalität im Schatten des Wachturms
Man frühstückte mit Blick auf Wachtürme und patrouillierende Grenzsoldaten, die Präsenz von bewaffneten Kräften (Zoll und Bundesgrenzschutz im Westen, Grenztruppen im Osten) gehörte zum Alltag wie der Gang zum Bäcker. Nachts war die Grenze oft taghell erleuchtet, das Surren der Grenzsicherungsanlagen oder das Bellen der Wachhunde war eine ständige Geräuschkulisse. Wirtschaftlich war die Region im Westen „Zonenrandgebiet“. Straßen endeten abrupt im Nichts. Es war ruhig, fast abgelegen, da es keinen Durchgangsverkehr gab.
Trotz der Mauer gab es eine unsichtbare Verbindung: das Salz. Die Bergleute unter Tage arbeiteten quasi „unter der Grenze“ hindurch. Man wusste voneinander, man hörte die Sprengungen der jeweils anderen Seite im Stollen. Es war eine absurde Situation: Oben durfte man sich nicht zuwinken, unten trennte die Kumpel nur eine markierte Linie im Gestein.
Philippsthal
Philippsthal ist eine kleine Grenzgemeinde im Werratal, gebildet aus sechs früher selbständigen Ortschaften und war nach einer Seite abgeriegelt durch die Grenze zu Thüringen. Hier könnte das Ende der Welt sein, so abgelegen, so einsam ist es hier direkt an der Grenze zur DDR.
Der Ortsteil Röhrigshof-Nippe ist nur ein Weiler und besteht aus drei Häusern in der Ausbacher Str., die in der 50er Jahren für die Arbeiter des Kali-Bergwerks gebaut wurden. In dieser kleinen Arbeitersiedlung vor einem Hang, hinter dem der Monte Kali aufragt, wohnten ungefähr 60 Menschen in Eigentumswohnungen, die sie günstig von der Kali und Salz AG erwerben konnten. So auch das Ehepaar Reinhard und Monika Weimar, das mit den Töchtern Melanie und Karola und weiteren Angehörigen im mittleren Haus Nummer 3 lebte.
Die Familien Weimar und Böttcher 1986
Monika Weimar ist eine geborene Böttcher. Das Oberhaupt der Familie, Monikas Vater Reinhold Böttcher, der unter Tage im nahegelegenen Kalibergwerk gearbeitet hatte, war bereits im Oktober 1983 an Krebs verstorben.

Drei Schwestern
Die Schwestern Böttcher - Ursula, Monika und Brigitte - haben alle früh geheiratet und nach ihrer Heirat den Familiennamen abgelegt.
➔ Monikas fünf Jahre ältere Schwester Ursula ('Ulla') heiratete um 1974 Jürgen Z. und bekam mit ihm 1975 einen Sohn, Monikas Patenkind.
➔ Monikas sieben Jahre jüngere Schwester Brigitte heiratete nach dem Tod des Vaters 1985 den US Amerikaner Raymond E., der in Bad Hersfeld stationiert war; die Ehe blieb kinderlos und wurde 1987 geschieden.
➔ Monika selbst heiratete 1978 Reinhard Weimar und bekam mit ihm 1979 die Tochter Melanie, 1981 die Tochter Karola.
Das Mehrgenerationenhaus
Wir hatten, wie die beiden Nachbarhäuser auch, einen großen Nutzgarten hinter dem Haus, der sich aufwärts zog, einem großen, weißen Kaliberg entgegen. Die Abraumhalde war teils kahl, teils bepflanzt worden, und am Fuße dieser Halde hatten die Familien Obst- und Gemüsegärten zur Eigenversorgung angelegt, eingerahmt von Blumen. Wir hatten auch Schaukeln und Sandkästen in diesen Gärten, und ich spielte mit den Nachbarmädchen dort gern mit meinen Puppen.
- Aus "Ich war Monika Weimar", Monika Böttcher
Das Haus im Weiler Röhrigshof-Nippe, in dem Monika Weimar aufgewachsen ist, wurde 1986 ausschließlich von Angehörigen ihrer Familie bewohnt - es lebten dort noch ihre Mutter, ihre Großmutter und ihre ältere sowie auch die jüngere Schwester mit ihren Ehemännern und drei Kinder. Es war ein typischer Bau aus den 50er Jahren mit kleinen Wohnungen, in den Medien sprach man von später "drangvoller Enge" und "Puppenstuben".


Haus Familie Böttcher 1986
Google Maps: 50°50’42.9″N 9°56’25.8″E
Dachgeschoß rechts
Mansardenzimmer, zeitweise genutzt von Adele A.
Erstes Stockwerk rechts
Die Großmutter von Monika Weimar, Adele A.
Die Mutter von Monika Weimar, Gertrud Böttcher
Erstes Stockwerk links
Monikas Schwester Brigitte mit ihrem Ehemann Raymond
Erdgeschoß rechts
Monika Weimar mit Ehemann Reinhard mit Melanie und Karola
Erdgeschoß links
Monikas Schwester Ursula mit Ehemann Jürgen und Sohn
Nachdem die vier Werkswohnungen in der Ausbacher Str. im Jahr 1979 in Eigentumswohnungen umgewandelt worden waren, erwarben Reinhold und Gertrud Böttcher die Wohnung oben rechts, Weimars die Wohnung unten rechts, Jürgen und Ursula Z. die beiden Wohnungen der linken Haushälfte, von denen sie später die obere an Brigitte und deren Ehemann Raymond E. vermieteten.
Für Monika Böttcher war das Haus, in dem sie aufwuchs, eine schützende Höhle. Hier lebte ihre ganze Familie unter einem Dach, hier war sie sicher. Während des langsamen Scheiterns ihrer Ehe empfand sie es jedoch immer mehr als Gefängnis.
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Ich war Monika Weimar
Monika Böttcher, Ruth E Geiger
[Anzeige*] Monika Böttcher, geboren 1958, Krankenpflegehelferin, heiratete als Neunzehnjährige Reinhard Weimar. Ihre beiden Töchter Melanie und Karola, 7 und 5 Jahre alt, wurden im August 1986 ermordet. Monika Böttcher wurde als Täterin zu lebenslanger Haft verurteilt.
Während des Wiederaufnahmeverfahrens, das am 5. Juni 1996 begann, schwieg Monika Böttcher. Hier lesen Sie ihre Geschichte.
MORDAKTE MONIKA WEIMAR
Petra Cichos
[Anzeige*] Monika Weimar wurde 1988 zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Sie soll ihre Töchter Melanie (7) und Karola (5) erstickt und erwürgt haben.
Zum ersten Mal gewährte das "Hessische Hauptstaatsarchiv" vollständige Einsicht in alle Ermittlungs- und Prozess-Akten, die originalen Verhör-Protokolle. Beweisführungen. Spurensuche. Zeugenaussagen.
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Reinhard und Monika
Reinhard Weimar wuchs mit seinem fünf Jahre älteren Bruder Günther auf dem Hof seiner Eltern Johannes und Anna Weimar in der Nähe von Philippsthal, im Hohenrodaer Ortsteil Ransbach, auf. Sein Vater arbeitete wie die meisten Männer der Umgebung bei der Kali und Salz AG, betrieb aber nebenbei einen kleinen Bauernhof. In der Familie hatte seine Frau Anna das Sagen. Reinhards Bruder Günther wohnte nach seiner Heirat mit seiner Frau Ruth und den Kindern im Dorf Gethsemane neben Philippsthal.
Reinhards Verhältnis zu seiner Familie war insgesamt weder besonders innig noch besonders gut. Selbst als Erwachsener wagte er es nicht, seinen Eltern zu widersprechen und bezeichnete sein Elternhaus manchmal als "Irrenhaus", in das er nie zurückkehren wolle.
Die Heirat
Reinhards Eltern wollten für ihren jüngeren Sohn, dass er eine Landfrau heiratet und den Hof übernimmt. Während seiner Schulzeit musste Reinhard viel daheim helfen und durfte deswegen nicht im Verein Fußball spielen. Er wollte nicht Bauer werden, genauso wenig wie sein Bruder Günther - er wollte Bergmann werden.
1977 lernte Reinhard Weimar die sechs Jahre jüngere Monika Böttcher über deren Schwager Jürgen kennen, der genau wie er bei der Kali und Salz AG arbeitete. Es war nicht die große Liebe, aber sie waren sich sympathisch, verstanden sich gut und hatten dieselben Vorstellungen von der Zukunft. Letztendlich war der unauffällige, phlegmatische Reinhard froh, eine Frau gefunden zu haben und Monika hatte mit zarten 19 Jahren bereits die Angst geplagt, sitzen zu bleiben.
Die Kinder
Die Ehe ließ sich gut an: Melanie (*22.7.1979) und Karola (*8.3.1981) waren absolute Wunschkinder. Reinhard half sowohl vor als auch nach Melanies Geburt im Haushalt mit, zusätzliche Unterstützung erhielt die junge Familie durch Monikas Mutter Gertrud, die nur einen Stock darüber wohnte. Nach der Geburt von Karola, die in den ersten Lebensmonaten gesundheitliche Probleme hatte, verschlechterte sich die Beziehung der Weimars jedoch zusehends.
Dabei unterschied sich ihre Ehe nicht vom Leben oder den Ehen der anderen Philippsthaler. Reinhard Weimar fuhr unter Tage, spielte Tennis und kegelte, Monika Weimar verbrachte viel Zeit daheim mit den Kindern. Sie hatte bis zur Geburt von Melanie als Krankenpflegerin gearbeitet, kehrte etwa ein Jahr nach der Geburt von Karola - gegen den Willen ihres Mannes - in den Beruf zurück, den sie sehr liebte, und arbeitete auf Teilzeitbasis im Nachtdienst. An den Wochenenden trafen sich Weimars abends manchmal mit Arbeitskollegen von Reinhard und deren Ehefrauen, man aß, trank und spielte zusammen.
Der Anfang vom Ende
Trotzdem empfand Monika ihre familiäre und örtliche Situation in der Einöde von Philippsthal zunehmend als unbefriedigend. Reinhard stellte wenig Ansprüche ans Leben, war mit der Ehe, seiner Rolle als Versorger der Familie und den Lebensumständen durchaus zufrieden, sie fühlte sich jedoch vernachlässigt und warf ihm vor, dass er zu viel Zeit mit seinen Hobbys Kegeln und Tennis verbrachte, während sie zu Hause sitzen müsse. Er kümmerte sich aus ihrer Sicht nicht genug um die Kinder, half nicht mehr im Haushalt.
Hierüber kam es in den folgenden Jahren häufig zu Auseinandersetzungen und 1983, nach dem Tod des Oberhauptes der Familie Böttcher, Monikas Vater, bekam die Ehe einen deutlichen Knacks. Reinhard fuhr zum Kegeln, als Monikas Vater, der an Magenkrebs litt, im Sterben lag, obwohl seine Frau ihn bat, zu bleiben. Sie konnte ihm das nie verzeihen - und Reinhard trat den Rückzug von seiner Familie an.
Ihre Kommunikation wurde immer schlechter und als Monika wegen einer Banalität die erste Ohrfeige von ihrem Mann bekam, änderten sich ihre Empfindungen ihm gegenüber grundlegend: Die Zuneigung wandelte sich in immer größere Abneigung.
Reinhard seinerseits sah im Grunde immer noch kein Problem: Er blockte Gespräche ab mit dem Hinweis, es sei doch alles in Ordnung.
Ab Sommer 1985 begann Monika eine Affaire mit einem verheirateten Kegelbruder ihres Mannes, der ihr gegenüber erklärte, sich scheiden lassen zu wollen. Das Verhältnis ging jedoch Ende 1985 mehr oder weniger sang- und klanglos zu Ende, als ihr klar wurde, dass dieser nicht dazu bereit war, ihren Töchter ein Ersatzvater zu sein.
Vielleicht hätte es an diesem Punkt noch eine Chance gegeben, die Ehe zu retten. Doch dann kam Kevin.
📖 Lesenswert
Kindsmord. Der Fall Weimar
Heide Platen
[Anzeige*] Kritische Schilderung des Prozessverlaufs, der Ermittlungen und der Lebensumstände der Beklagten und der Zeugen im Fall Weimar, der im Januar 1988 mit einem umstrittenen Schuldspruch endete.
Der Fall Weimar: Kindsmord in der Provinz
Gisela Friedrichsen
[Anzeige*] Der Mordfall Melanie und Karola Weimar aus dem Jahr 1986, oft als "Kindsmord in der Provinz" bezeichnet, ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die beiden Mädchen wurden nahe ihrem Wohnort in Philippsthal (Hessen) ermordet aufgefunden, ihre Mutter Monika Weimar wurde nach einem aufsehenerregenden Prozess verurteilt, später jedoch freigesprochen.

Nachtleben in Philippsthal oder gar Röhrigshof-Nippe? Tanzen gehen? In der hessischen Provinz war in den 80ern der Hund begraben. Es gab etwa 50 Vereine, so auch Reinhards Kegelclub; die Siedlungs-Kneipe „Zur Erholung“ bot sich nur für Kalikumpels an, die ein Feierabendbier trinken wollten. Aber 25 Kilometer entfernt in Bad Hersfeld gab es Bars und Diskotheken - und auch eine besondere Attraktion für die Frauen der Umgebung: Die Soldaten der US Army.
Kevin Pratt
Am 13. März 1945 wurde die Stadt Bad Hersfeld von der US-Panzerdivision eingenommen und das 7. US-Infanterieregiment zog in die Kaserne ein, die 1948 McPheeters Barracks benannt wurde. Ab 1950 entstand südlich der Kaserne das McPheeters Village, ein Wohnquartier für die Soldaten und ihre Familien mit Schulen, Clubräumen, Sporteinrichtungen, einem Einkaufszentrum mit Bank und Post, einer Bibliothek und einem Kino.Ab 1972 wurde Bad Hersfeld Standort der 3. Schwadron des 11th ACR - 3rd Squadron 11th Armored Cavalry Regiment. Die Kasernenanlage wurde zu diesem Zweck umfangreich modernisiert und erweitert.
Um die tausend US Amerikaner lebten und arbeiteten 1986 in McPheeters, darunter Frauen, Kinder, Lehrer und Arbeiter. Sie lebten zwar in Deutschland, blieben aber meistens unter sich und hatten ihre eigene, original amerikanische Infrastruktur auf dem Kasernengelände. Für die mitgereisten amerikanischen Ehefrauen war es ein einsames Leben im McPheeters Village: Nicht wenige Frauen konnten es nicht ertragen, packten ihre Sachen und Kinder zusammen und brachten sie zurück in die „Welt“. Die Scheidungsrate war hoch – ebenso wie Alkoholkonsum, Schlägereien und häusliche Gewalt.
So kam es, dass Fraternisierung mit deutschen Frauen eine beliebte Freizeitgestaltung für die GIs wurde. Auch in Bad Hersfeld. Abends traf man sich in den Diskos Musikparadies, Boccaccio und Power Slide oder in der Bar Antek. Die "German Frolleins" konnten so einen angenehmen Abend verbringen, ohne einen Pfennig auszugeben - und natürlich erschienen ihnen die unkomplizierten, durchtrainierten GIs wesentlich attraktiver als die einheimischen Männer, die unter Tage im Kali Bergbau arbeiteten.
Fulda Gap
Fulda Gap, deutsch Fulda-Lücke, Lücke von Fulda oder auch Einfallstor Fulda, ist ein Begriff, mit dem die US-Streitkräfte während des Kalten Krieges das Gebiet bei Fulda nahe der innerdeutschen Grenze bezeichneten. Die Fulda Gap erstreckte sich von Herleshausen bis Bad Neustadt an der Saale. An der fragilen und strategisch verletzlichen Fulda-Lücke befürchtete die NATO einen Vorstoß der Truppen des Warschauer Pakts zwischen zwei ihrer Armeegruppen und weiter in das Hinterland der Bundesrepublik Deutschland hinein.
Abends in der Diskothek erklärten die GIs den "German Frolleins" lachend, dass ein Teil ihrer Aufgabe darin bestehe, zehn Minuten zu leben – gerade lange genug, um den Rest der US-Armee zu alarmieren, dass die Russen durch die Fulda Gap kämen.
Im Musikparadies
Monikas jüngere Schwester Brigitte war ein kontaktfreudiger, offener Mensch. Sie ging gern mit Freundinnen weg und war ein häufiger Gast in den Diskotheken, die auch die GIs frequentierten. Sie selbst hatte 1985 den US Amerikaner Raymond E. geheiratet, lebte aber 1986 schon in Trennung, da die Ehe an der Eifersucht ihres Mannes gescheitert war und hatte einen neuen Freund: Billy, ebenfalls Angehöriger der US Army.
Im April 1986 nahm sie ihre Schwester Monika erstmals ins Musikparadies mit - keine 2 Wochen später lernte diese dort Kevin Pratt kennen und verliebte sich zum ersten Mal in ihrem Leben so richtig.
Im Musikparadies trafen sie sich zufällig: Monika Weimar, die zweifache Mutter, die mit gerade Mitte 20 aus ihrer unglücklichen Ehe ausbrechen wollte, und Kevin Pratt, dreifacher Vater, der nicht damit zurechtkam, dass seine Frau aus der Ehe ausgebrochen war. Sie wollte wissen, was das Leben noch zu bieten hatte, er wollte sich selbst beweisen, daß es nicht an ihm lag, daß seine Frau nicht mit ihm zusammenleben konnte.
Und damit nahm das Unglück seinen Lauf.
Spoiler
Reinhard, Monika und Kevin - in Teil 2 spitzt sich die Situation immer weiter zu, bis es schließlich zu der bekannten Tragödie kommt: Die beiden Weimar-Mädchen werden tot aufgefunden. Demnächst hier auf Imperial Crimes.
Melanie Weimar wäre heute 46 Jahre, ihre Schwester Karola 45 Jahre alt.
ℹ️ Linkbox
► Mord an Melanie und Karola Weimar (Wikipedia)
► McPheeters Barracks (Wikipedia)
► Fulda Gap (Wikipedia)
► 95 Prozent halten die Mutter für schuldig (Spiegel)









