Eine Verurteilung und offene Fragen
Sie hatte einen schwierigen Start ins Leben. Sie suchte Halt. Sie traf falsche Entscheidungen - so ihr Verteidiger vor Gericht.
"Aber jetzt hat sie ihr Leben geregelt, sie hat gestanden, sie geht arbeiten und nimmt eine Therapie."
Ganz, ganz gewaltige kriminelle Energie
- Richterin B. Schwarz

Profil Lisa Stradner, Tiktok
Vor Gericht
Die 33-Jährige, die sich im Mai 2026 vor dem Grazer Straflandesgericht wegen schweren gewerbsmäßigen Betrugs verantworten muss, heißt nicht Lisa Stradner. Das ist keine Überraschung, denn schon im längst gelöschten TikTok-Profil stand: "Der Name ist zum Schutz wegen eines Familienmitgliedes!"
Die Frau im Gerichtssaal heißt Sanela. Obwohl der Auslöser für ihre Verhaftung die Vorgänge rund um die Stillgeburt von Kim Virginia und die Recherchen von österreichischen Journalisten im Zuge dessen waren, sind Identität und Social-Media-Aktivitäten von "Lisa Stradner" kein Thema.
"Realfake" ist kein Straftatbestand. Spendenbetrug schon.
Rückblende
Das Profil mit dem Pseudonym "Lisa Stradner" schlug im Juni 2025 auf TikTok ein wie eine Bombe und brachte es in Rekordzeit auf fast 20.000 Follower. Lisa war ein Realfake, aber sie war für kurze Zeit bekannter als so mancher Influencer, da sie einen Nerv traf: Was ist wahr auf Social Media, was nur Schein? Warum berichteten die Medien so unkritisch über den von Kim und Nikola veröffentlichten gewaltsamen Vorfall, der angeblich zu einer stillen Geburt führte, obwohl dieser nirgendwo dokumentiert scheint?
"Lisa" hielt das Thema Sternkinder oben. Doch im Laufe der Zeit verzettelte sie sich, initiierte Aktionen, die massive Zweifel an ihrer Person hervorriefen und entschwand - wie die allermeisten Realfakes - von einer Minute auf die andere ins Nirwana. Zwei engagierte Frauen hatten Zusammenhänge zwischen Lisa, verschiedenen anderen Personas, so einer falschen Ärztin und dem ebenfalls falschen Polizist Patrick, sowie der real existierenden Sanela hergestellt und sich damit an die österreichische Presse gewandt.
Es wurden zeitgleich zwei Artikel veröffentlicht, in denen es allerdings nicht um die Persona "Lisa Stradner" oder das kontroverse Influencer-Couple ging, sondern um Sanela und deren Aktivitäten im Netz. Sie wurde daraufhin Ende September 2025 festgenommen und saß seitdem in U-Haft.
Es gibt bis heute keine Bestätigung von offizieller Seite, dass Sanela die "Lisa Stradner"-Profile auf Instagram und TikTok betrieben hat, obwohl Hinweise darauf existieren und am Ende von "LiSaNela" die Rede war. Auch über die Hintergründe von "Lisas" monatelangem Engagement ist nichts bekannt. Es gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung.
Betrug über Betrug
"Ich möchte Sie nicht noch einmal in Haft sehen, und ich erteile die Weisung zu Bewährungshilfe und Psychotherapie.
- Richterin B. Schwarz

Sanela werden diverse Betrugsfälle vorgeworfen. Vor dem Grazer Straflandesgericht geht es unter anderem um gefälschte Schulbestätigungen, zu Unrecht bezogene Sozialleistungen (insgesamt rund 23.000 Euro), ein über Facebook angeblich für Tierschutzzwecke versteigertes Kleid, das sie aber nie der Käuferin geschickt hat. Die Taten folgen immer einem ähnlichen Muster: vorgetäuschte Hilfsbereitschaft, angebliches soziales Engagement - und private Bereicherung.
Besonders schwer wiegt eine Spendenaktion: Nach dem Amoklauf an einer Schule am 10. Juni 2025 in der steirischen Landeshauptstadt Graz startete Sanela einen Tag später über eine internationale Online-Crowdfunding-Plattform einen Aufruf für die Familien der Opfer. Sie gab sich dabei als Hinterbliebene, bei manchen Angehörigen auch als Rettungssanitäterin aus.
Eine Summe in Höhe von 38.524 Euro kam zusammen, wurde jedoch nie weitergegeben. Erst als die Recherchen von profil und DATUM Sanelas Lügenkonstrukt öffentlich machten, ließ sie einzelnen Familien unter falschem Namen Bargeld in Kuverts zukommen - insgesamt 2.526 Euro.
Ich habe die Übersicht verloren. Es tut mir leid, dass ich das gemacht habe. Ich wollte helfen.
-Sanela
Das Urteil lautet: 21 Monate Haftstrafe bei einem angedrohten Höchstrahmen von drei Jahren. Die davon sechs Monate unbedingte Haftstrafe ist bereits mit der U-Haft verbüßt. Die Staatsanwältin gibt keine Erklärung ab, das Urteil ist nicht rechtskräftig. Wir wünschen Sanela alles Gute.
Kim und Nikola äusserten sich nicht dazu. Warum auch? Die Anschuldigungen und Lügen von "Lisa Stradner" haben keine Konsequenzen. Sie bleibt wie die meisten Realfakes genau das, was sie war: ein Internet-Phantom.
Die Hoffnung, dass Sanela einen tieferen Einblick in die Motivation und die Gedankenwelt eines Realfakes geben kann, erfüllte sich nicht. Dass es so verdammt schwer ist, die wahre Identität hinter einem Realfake, auch Catfish genannt, aufzudecken, liegt an der Kombination aus digitaler Anonymität, rechtlichen Hürden und psychologischer Manipulation. Wenn jemand es darauf anlegt, ungefiltert in eine andere Rolle zu schlüpfen, spielen ihm - oder ihr - die Strukturen des Internets perfekt in die Karten.
Die zweifelsfreie Ermittlung der Person hinter einem Fake-Account scheitert nicht nur daran, dass es in den allermeisten Fällen kein Eingeständnis gibt, sondern auch daran, dass die legale und technische Aufdeckung Wochen, wenn nicht gar Monate dauert, Behördenkooperationen erfordert und letztendlich ziemlich sicher am Datenschutz scheitert.
Personen, die mit enormem psychologischem und organisatorischem Aufwand über Jahre hinweg hochkomplexe, fiktive Identitäten und Beziehungsnetzwerke im Netz aufbauen und damit zum Realfake werden, sind ein schwer greifbares Feld. Wissenschaftliche, repräsentative Großstudien dazu gibt es im deutschsprachigen Raum kaum. Das liegt vor allem daran, dass der Begriff im deutschen Sprachraum stark durch journalistische und literarische Arbeit geprägt wurde und im akademischen Bereich meist unter anderen psychologischen oder kriminologischen Begriffen untersucht wird.
Da Realfakes im Gegensatz zu Romance Scammern kein Geld fordern, greift das klassische Betrugsstrafrecht meist nicht. Die Taten bewegen sich oft im Bereich des Identitätsdiebstahls (Urheberrechtsverletzungen an Fotos) oder des digitalen Stalkings und Cybergroomings, was die statistische Erfassung in kriminologischen Studien erschwert.
ℹ️ Linkbox: Pressespiegel
► Spendenbetrug nach Amoklauf: 21 Monate Haft für 33-Jährige (KURIER)
► Sanela G. zu 21 Monaten Haft verurteilt (profil.at)
► Grazerin wegen Spendenbetrugs nach Amoktat verurteilt (derstandard)
ℹ️ Linkbox: Podcast
► 21 MONATE HAFT für Lisa Stradner? (Dennys Trash Highlights)

