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Monika Böttcher Foto: DPA

Er saß seit 1999 in den USA in Haft - verurteilt wegen sexuellen Missbrauchs zweier Mädchen in Kalifornien. 2013 verließ er das Gefängnis, ein bulliger Mann mit vielen Tattoos und einem auffälligen Bart, den man in den USA Horseshoe Moustache nennt. Mit 51 Jahren stand er vor dem Nichts. Sein Name ist Raymond, genannt Tigger, und er war 1986 der Schwager von Monika Weimar.

Niemand wusste in Deutschland von Raymonds Verurteilung, der Mordfall Weimar war abgeschlossen, Monika Böttcher aus der Öffentlichkeit verschwunden. Die RTL+ Doku „Das Geheimnis der Weimar Morde“ schlug 2022 ein wie eine Bombe: 36 Jahre nach dem Mord an Melanie und Karola gab es plötzlich diese neue Spur, die zu dem Ex-Mann von Monikas sieben Jahre jüngerer Schwester Brigitte führte.

1986 lebte Raymond als US-Soldat im selben Haus wie Familie Weimar in Philippsthal-Röhrigshof, nur ein Stockwerk darüber. Das Urteil von 1999 wies deutliche Parallelen zum Mordfall Weimar auf.

Melanie und Karola Weimar

Am 4. August 1986 verschwanden Karola und Melanie Weimar in Philippsthal-Röhrigshof, die Schwestern waren fünf und sieben Jahre alt. Drei Tage suchten der ganze Ort, die Polizei und sogar Soldaten der US-Armee aus Bad Hersfeld nach den beiden Mädchen. Dann entdeckte ein Busfahrer in der Nähe eines Rastplatzes die Leiche von Melanie, einige Kilometer entfernt fand die Polizei auch ihre tote Schwester Karola. Aus einem Vermisstenfall wurde ein Mordfall.

Die Ermittler legten sich schnell fest: Nur die Mutter Monika oder der Vater Reinhard kamen für sie als Täter in Frage. Sie fanden schnell heraus, dass die Ehe der Weimars nur noch auf dem Papier bestand. Monika Weimar hatte einen Geliebten, den US-Soldaten Kevin, fühlte sich von ihrem Ehemann alleingelassen und wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Reinhard Weimar war selten zu Hause und ging lieber seinen Hobbys nach. Er war gesundheitlich angeschlagen, trank viel Alkohol, kümmerte sich kaum um die Familie. In eine Scheidung wollte er nicht einwilligen.

Am Ende wurde Monika Weimar verhaftet, angeklagt und in einem langen Indizienprozess verurteilt. Das Motiv für den Mord an ihren Töchtern blieb unklar. Das Landgericht Fulda ging davon aus, dass die Beziehung zu dem US-Soldaten Kevin und die Angst, ihn zu verlieren, Monika Weimar dazu gebracht haben könnten, die Kinder zu töten. Die Mädchen hätten bei dem Beginn eines neuen Lebens gestört. Zwar wurde ihr bescheinigt, eine gute Mutter gewesen zu sein – in ihrem Tunnel habe sie jedoch keinen anderen Ausweg gesehen, als ihre Kinder zu töten.

Zweifel an ihrer Schuld blieben, 1997 wurde sie freigesprochen, 1999 erneut verurteilt.

  • Monika Böttcher wurde durch Urteil des Landgerichts Fulda vom 8. Januar 1988 wegen Mordes in zwei Fällen zu einer lebenslangen Gesamtfreiheitsstrafe verurteilt. Die Revision gegen dieses Urteil wurde verworfen.
  • Mit Beschluss vom 4. Dezember 1995 ordnete das Oberlandesgericht Frankfurt am Main die Wiederaufnahme des Verfahrens zugunsten der Angeklagten und die Erneuerung der Hauptverhandlung an. Daraufhin wurde die Antragsstellerin von der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen unter Aufhebung des Urteils des Landgerichts Fulda am 24. April 1997 freigesprochen.
  • Auf die Revision der Staatsanwaltschaft (vertreten durch den Generalbundesanwalt) und des Nebenklägers hin wurde das Urteil des Landgerichts Gießen vom Bundesgerichtshof mit Urteil vom 6. November 1998 aufgehoben und an das Landgericht Frankfurt am Main zu neuer Entscheidung zurückverwiesen.
  • Die 21. Große Strafkammer als Schwurgerichtskammer des Landgerichts Frankfurt am Main hielt das Urteil des Landgerichts Fulda vom 08. Januar 1988 am 22. Dezember 1999 aufrecht. Die von der Verteidigung eingelegte Revision gegen das Urteil wurde vom BGH am 28. August 2000 verworfen.

Raymond war 1986 nach dem Verschwinden der Mädchen vernommen worden, sogar zwei Mal als potentiell Beschuldigter, konnte aber für den Tag ein Alibi vorweisen. Im Laufe der weiteren Ermittlungen hatte man ihn offenbar völlig vergessen.

Für den Verteidiger von Monika Böttcher, Gerhard Strate, stand seit der RTL+ Doku fest: Wäre Raymonds Verurteilung früher in die deutschen Ermittlungen miteinbezogen worden, wäre es nie zu einer finalen Verurteilung seiner Mandantin gekommen.

Trotzdem hatte niemand noch damit gerechnet, dass Strate eine neuen Wiederaufnahmeantrag für Monika Böttcher stellen würde. Doch am 17. März 2026 geschah genau das: Er beantragte auf 136 Seiten die Wiederaufnahme des Verfahrens am Landgericht Darmstadt.

Der Wiederaufnahmeantrag stützt sich auf neue Beweismittel:

  1. Sachverständigenbeweis über die Unzuverlässigkeit der Zeugenaussagen
  2. Widerlegung der These einer Täterschaft allein durch den Vater oder die Mutter
  3. Nachdrückliche Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch der Weimar-Kinder
  4. Falsche Gewissheiten

Die Wiederaufnahme eines durch rechtskräftiges Urteil abgeschlossenen Verfahrens zugunsten des Verurteilten ist zulässig, wenn neue Tatsachen oder Beweismittel beigebracht sind, die allein oder in Verbindung mit den früher erhobenen Beweisen die Freisprechung des Angeklagten oder in Anwendung eines milderen Strafgesetzes eine geringere Bestrafung oder eine wesentlich andere Entscheidung über eine Maßregel der Besserung und Sicherung zu begründen geeignet sind (§ 359 Nr. 5 StPO).
Wiederaufnahmeantrag vom 17.03.2026

Zu den neuen Beweismitteln gehören auch Zeugenaussagen weiterer Frauen aus den USA, die angeben, als Kind von Raymond belästigt worden zu sein, sowie interpretationswürdige Zeichnungen der Weimar-Kinder aus den Wochen vor ihrem Tod.

Das sind wir den Kindern schuldig.
- Gerhard Strate

Zum derzeitigen Zeitpunkt ist unklar, ob die Wiederaufnahme angeordnet wird und es zu einer Hauptverhandlung kommt. Für Raymond E. gilt die Unschuldsvermutung. Der ehemalige Schwager von Monika Böttcher wies 2022 im Interview jeglichen Verdacht von sich.

Viele der damaligen Zeugen können heute nicht mehr befragt werden. Reinhard Weimar, Vater der beiden getöteten Kinder, starb 2012 in seinem Elternhaus in Ransbach an Herzversagen.

Melanie Weimar wäre heute 46 Jahre, ihre Schwester Karola 45 Jahre alt.

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