Die falsche Ärztin auf Threads
Moment mal, Threads? Auf Twitter/X und Bluesky findet dieses soziale Netzwerk nur wenig Beachtung. Wer damit so gar nichts anfangen kann: Threads ist eine Microblogging-Plattform, die von Meta als textorientierte Ergänzung zu Instagram entwickelt und Ende Juli 2023 veröffentlicht wurde. Laut einem Branchen-Überblick rangierte Threads im Jahr 2025 trotz einer bemerkenswerten Wachstumsstory seit dem Start im Vergleich zu anderen Netzwerken im hinteren Mittelfeld.
Schade eigentlich, denn so erregte der Skandal um einen falschen Fuffziger Pfirsich nur wenig Aufmerksamkeit außerhalb dieses Kosmos – kein Vergleich zu dem Reveal von Jule Stinkesocke oder der liebenden Jasmin.
Ein Pfirsich also. Vermutlich kennen viele das Symbol 🍑 von WhatsApp, wo es gerne als Anspielung auf den Po verwendet wird und damit für Sexualität oder körperliche Attraktivität steht. In vielen Kulturen gilt der Pfirsich jedoch als Frucht des langen Lebens und als Zeichen von Schutz und Vitalität. Aufgrund seiner weichen Form, warmen Farbe und Süße symbolisiert der Pfirsich häufig Sanftheit, Sinnlichkeit, Wärme und Lebensfreude, in Kunst und Illustration steht er oft für Natürlichkeit, Sommer, Reife und einen positiven, lebensbejahenden Zustand.
Long story short: Ein Pfirsich ist als Symbol generell positiv besetzt und auf Threads gab es diesen einen Account, der gleich mehrere Früchte im Angebot hatte, die perfekten Pfirsiche – @prfct.peaches. Die Ärztin Marie.

Sie nannte sich @prfct.peaches. 2024 war sie mit 12.000 Followern eine Berühmtheit auf Threads, auf Instagram waren es sogar über 30.000 Follower. Sie war Mutter von vier Söhnen, approbierte Ärztin, Unfallchirurgin, Therapeutin. Und Model. Die Follower vertrauten ihr und baten sie um fachliche Hilfe, die sie großzügig über DM gewährte. Doch dann kam das Pfirsich-Gate, als einige misstrauische Menschen fragten: Wer ist Marie, die Frau hinter dem Account, wirklich?
Zuerst war sie als @yakeela im Netz unterwegs, dann als @zimtschnute, doch erst als @prfct.peaches hat sie Erfolg.
Die älteren unter euch kennen den Spruch noch aus dem Poesiealbum: "Sei wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein, und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein!" Marie strebt nach Perfektion und will als @prfct.peaches kein Veilchen mehr sein, sondern eine Rose: eine Frau, die von allen bewundert wird. Kein Mittelmaß, sondern eine Überfliegerin.
Marie gibt sich sehr offen, nennt ihren vollen Namen, auch die URL einer eigenen Website. Trotz Handicaps ist sie vielseitig und engagiert: Marie leidet nach eigener Aussage am Asperger-Syndrom und unter ADHS (unmedikamentiert), hat mehrere chronische Krankheiten und jeden Tag Schmerzen. Sie deutet schlimme Erlebnisse und 'schwere Schicksalsschläge' an.
Andererseits spricht sie wenig zurückhaltend von ihren Fähigkeiten – so hat sie literally 10.000 Hobbys, kann sich alles merken und aus dem Stegreif Vorträge zu zig Themen halten. Mit ihren Söhnen, die "zwischen 6 und 17 Jahre alt sind", bastelt, malt und puzzelt sie geduldig, geht stundenlang mit ihnen durch die Natur.
Maries Vita
Trotzdem arbeitet sie als Unfallchirurgin – eventuell zuvor auch als Chirurgin in einer Zahnklinik oder Anästhesistin? Ihre Angaben dazu sind nicht ganz konsequent, über ein Studium spricht sie nie. Aber sie sieht sich ganz gerne als Opfer und leidet im Beruf unter Mobbing:
Ihre Follower wenden sich oft mit medizinischen Fragen an sie, schicken ihr Arztbriefe und andere sensible Daten. Marie antwortet ausführlich, auch in Sprachnachrichten. Hier redet sie über Amputationen.
Transkript: "Die meisten haben Schiss, direkt zu amputieren. Wenn ich sowas in der Notaufnahme habe, ich fax da überhaupt nicht rum. Weil ich einfach im Laufe der Zeit gesehen habe, was das auf lange Sicht bedeutet. Und Verlauf, Reha, auch der ganze Scheiß, der da dran hängt. Also das ist natürlich immer eine Absprache mit Patienten. Aber ich sag denen da ganz klar, was Phase ist. Also ich komm da nicht her und sag, ja, eventuell wird Ihr Bein wieder. Also ich glaube, ich hab bis jetzt sieben oder acht Unterschenkel abgenommen. Zwei Amputationen verhindert. Und eine davon ist ausgeheilt. Eine einzige. Arme haben komischerweise eine bessere Heilungschance als Beine. Ich weiß gar nicht, warum das so ist. Ich hab da auch in der Literatur nichts drüber gefunden. Das sind nur Erfahrungswerte. Finger natürlich sowieso, weil sie so klein sind. Aber Arme, irgendwie sind Arme immer besser dran."
Laut ihrer Website arbeitet sie zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als Ärztin als zertifizierte systemische Therapeutin für Depression, PTBS, Trauma u.v.m.
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Dressed for success
Ich hielt Marie für eine überaus kluge, erfolgreiche und wunderschöne Frau, die für sich und andere einsteht.
2023 ist es in der Anfangszeit auf Threads noch relativ easy, ein Großaccount zu werden – wenn man es richtig anstellt. Und Marie will genau das. Unbedingt. Sie hat als Ärztin, Therapeutin, Mutter, und Model auch alle Voraussetzungen: klug, schön, sexy, vielseitig und engagiert.
Ihre wachsende Anzahl von Followis ist tief beeindruckt: @prfct.peaches IST einfach nahezu perfekt, sie wirkt schon fast wie eine Überfrau und scheint so viel mehr Zeit zur Verfügung zu haben als andere Menschen. Doch im Juni 2024 kommen erste Zweifel an ihr auf.
To be Ärztin oder not to be
Maries ärztliche Tätigkeiten werden infrage gestellt, da es immer öfter Widersprüche und Ungereimtheiten gibt. So hat sie grundsätzlich auf allen Bildern, die sie von ihren Händen postet, sehr lange, künstliche Fingernägel – sogenannte Gelnägel, die man nicht eben mal kurz abnehmen kann. Ist das als Chirurgin erlaubt?
Spoiler: Nein, künstliche Fingernägel, Gelnägel oder Nagellack sind für Chirurginnen und generell für Personal im Gesundheitswesen, das Patienten behandelt, aus Hygienegründen nicht erlaubt. Sie bieten Keimen einen Nährboden und machen die Händedesinfektion weniger wirksam. Naturnägel müssen kurz gehalten werden, um Infektionsrisiken zu minimieren.
Henne, Ei, und so: Wir reden über große Social-Media-Accounts, die sich als Ärztin ausgeben. Oder ist es genau umgekehrt und diese Accounts werden so groß, weil sie angeblich Ärztin sind? Bei Realfakes ist der Beruf jedenfalls sehr beliebt, siehe Jule Stinkesocke oder der Fall Lisa Stradner. Ein angeblicher ärztlicher Hintergrund verschafft einen automatischen Vertrauensvorschuss, weil Medizin in unserer Gesellschaft stark mit Autorität, Kompetenz und Verantwortung verknüpft ist. Ärztinnen (und natürlich auch Ärzte) gelten traditionell als Personen, die lange ausgebildet wurden, wissenschaftlich arbeiten und dem Wohl anderer verpflichtet sind.
Hinzu kommt der psychologische Effekt der Autoritätsgläubigkeit: Aussagen von Personen, die als Expertinnen wahrgenommen werden, werden seltener hinterfragt. Titel, weiße Kittel, Fachbegriffe oder Hinweise auf Kliniken und Diagnosen wirken wie Abkürzungen für Glaubwürdigkeit. Dieses kulturell verankerte Bild wird online oft unreflektiert übernommen – selbst dann, wenn die Angaben zur Qualifikation nicht überprüfbar sind.
Die Recherche
In der schnellen, oft emotionalen Kommunikation sozialer Netzwerke fehlt vielen Usern einfach die Zeit oder auch die Motivation zur Quellenprüfung – der vermeintliche Status ersetzt die inhaltliche Prüfung. So gibt es erst nur vereinzelte Kommentare zu @prfct.peaches und ihrem Status als Chirurgin, die in Richtung Paulanergarten gehen, dann immer mehr.
Marie bleiben die wachsenden Zweifel an ihr und ihrem Beruf nicht verborgen – sie ignoriert die Anspielungen, hält sich aber mit Äußerungen in Richtung approbierte Ärztin stark zurück. Es ist nicht ganz klar, was genau die tiefergehenden Recherchen am Ende auslöst: ihre wachsende Bekanntheit auf Threads und Instagram, die vermehrte Anzahl an beeindruckenden Fotos, der intensive Kontakt zu Followis, die medizinischen Rat suchen?
Besonders schwierig ist es nicht: Man kann keinerlei Informationen im Internet über Marie unter dem angegebenen Realnamen als Ärztin finden: keinen Google-Treffer, keinen LinkedIn-Eintrag, keine Webseite eines Klinikums, bei dem sie arbeitet. Eine Abfrage bei der Ärztekammer führt ins Leere. Sie ist nirgendwo gelistet.
Hat sie bei ihrem Beruf gelogen? Einige Followis haben das Gefühl, dass mit @prfct.peaches noch einiges mehr nicht stimmt.
Das Pfirsich 🍑 Gate
Wenn es zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es meistens auch nicht wahr.
Dank ihrer Website stehen Maries Real Name und auch ihr Geschlecht nicht zur Diskussion - wie könnte sie sonst Aufträge als Therapeutin annehmen? Aber ihr ganzer Lebenslauf ist bei genauer Untersuchung unstimmig. Sie ist Jahrgang 1985 und hätte theoretisch nach der Schule direkt der Bundeswehr beitreten können. Ihr gepostetes „KTCC“-Abzeichen ist jedoch problematisch – im Kurdistan Training Coordination Center wird erst seit 2015 ausgebildet. War sie zu dieser Zeit überhaupt noch bei der Bundeswehr?
Sie hat auf Threads gepostet, dass sie 2014 einen Kurs zur Tagesmutter absolviert hat. Recherchiert man zu ihrem Realnamen, findet man einen Facebook-Post von 2016, aus dem hervorgeht, dass sie tatsächlich zu dieser Zeit als Tagesmutter gearbeitet hat. Damit kann das Kurdistan Training Coordination Center nicht mehr wirklich hinkommen. Und wann will sie eigentlich studiert haben?
Der Stalker
Im September 2024 wird nach Wochen der Recherche ein relativ kurzer Thread zum Account @prfct.peaches gepostet. Von einer Frau. Marie reagiert prompt und bringt einen Stalker ins Spiel. Sie freue sich, dass ein ehemaliger „Stalker“ nun mit der Zweiflerin in Kontakt getreten sei und damit dieser „am Hals hinge“.
'Stalker' scheint in jedem Realfake-Wörterbuch ganz weit oben zu stehen. Es gibt keine Zweifler, keine Kritiker, keine Rechercheure– nein, Stalker it is. Jule Stinkesocke hatte gleich fünf davon, abgesehen von ihrer stalkenden Mutter, und nach dem Reveal waren gleich mal alle Stalker. Auch die liebende Jasmin beklagte sich sehr darüber. Kim Virgina bezeichnete wiederum Lisa Stradner als Stalkerin. Und auch mir bleibt diese Titulierung nicht erspart – wissen Menschen auf Social Media überhaupt, was ein Stalker ist, frage ich mich?
Maries Kommentar kommt so gar nicht gut an. Einer anderen Frau einen Stalker zu wünschen, ist niemals, unter keinen Umständen, in Ordnung, so das Credo. Die Followis scheinen aufzuwachen und erkennen, dass Marie auf Threads ein elitäres Machtmonopol aufgebaut hat: Macht durch große Klappe, viele Follower und Shitstorms. Darf man bekannte Accounts nicht kritisieren?
Nun folgen längere Threads anderer Kritiker, die Lügen von @prfct.peaches auflisten. Auch was ihren Instagram‑Feed angeht.
Der Bilderklau
Es ist auf Instagram relativ schwierig, Duplikate zu finden. Doch eine Person schafft es.
Die Fotos von Marie haben eine Eigenheit. Das Gesicht ist abgeschnitten oder verborgen, lediglich rote Haare sind immer zu sehen. Tatsächlich sind die viel bewunderten Bilder schlicht und einfach geklaut, viele davon vom Instagram-Account @oh_erna (Erin O'Hara, Onlyfans NYC).
Bilderklau dürfte mit KI bald Geschichte sein, aber bis vor nicht allzu langer Zeit war es einfach die einzige Möglichkeit, an realistische Fotos zu kommen, die dem Realfake oder verbandelten Personas entsprachen. Auch wenn sich der Realfake für eine Person des anderen Geschlechts ausgab, gab es kaum eine andere Lösung als Bilderklau: Selbst Hände verraten, ob Mann oder Frau.
Die Wahrheit
In der privaten, direkten Konfrontation mit einem ihrer Kritiker gibt Marie letztendlich zu: Sie ist keine approbierte Ärztin, sondern zahnmedizinische Fachangestellte. Sie sei anfangs in eine Diskussion auf Social Media über etwas Medizinisches verwickelt gewesen und habe dann behauptet, sie sei vom Fach, um die Diskussion für sich zu entscheiden. Aus dieser Lüge konnte sie sich nicht mehr befreien.
Was andere Lügen und den Bilderklau angeht, ist kein Statement bekannt. Marie hat alle ihre Accounts gelöscht.
ℹ️ Linkbox: Threads
An dieser Stelle waren diverse Links zu @prfct.peaches aufgelistet. In Rücksicht auf Marie sehen wir davon ab, diese zu zeigen.
Trotzdem gebührt unser Dank @moritz_bndr und @uneleg4nt.














