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Realfakes entstanden nicht erst mit Deepfakes oder KI. Schon frühe soziale Online-Welten ermöglichten realitätsnahe Täuschungen, bei denen nicht Bilder oder Videos manipuliert wurden, sondern Identitäten selbst. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht noch: Bevor Facebook, Twitter und Co. unseren digitalen Alltag bestimmten, waren Internet-Chats der zentrale Treffpunkt im Netz. Zwischen ICQ, MSN Messenger und frühen Community-Plattformen formten sich erste Online-Identitäten.

Mit Club Cooee erreichte diese Entwicklung eine neue Stufe: Die virtuelle 3D-Community verband Chat, soziales Netzwerk und Rollenspiel und wurde zwischen 2008 und 2015 besonders populär. Als Brücke zwischen klassischer Chatkultur und modernen sozialen Medien bot sie Raum für Selbstdarstellung, Nähe und digitale Rollenexperimente – und legte damit zugleich den Grundstein für neue Formen von Täuschung und Realfakes.

Zu jung für einen wirklichen Club, alt genug für das Internet. Club Cooee war als Ü18-Community konzipiert, als kostenlose Plattform aber auch sehr attraktiv für Jugendliche - es wirkte so viel erwachsener als klassische Chats. Und mit Altersgrenzen zur Nutzung nahm man es nicht sehr genau.

Dort lernen auch sie sich im Chat kennen: "bennylein", so sein Pseudonym, ist ein 14-Jähriger aus Norddeutschland, "laramaus" eine 12-jährige Schülerin aus Bayern. Über ihre Avatare bauen sie eine Beziehung zueinander auf und die Anonymität in diesem Netzwerk sorgt dafür, dass die Kommunikation schnell vertraut wird. bennylein und laramaus chatten bald täglich privat miteinander, immer länger, immer intensiver. Sie flirten und reden über die Schule, alltägliche Problemchen, den Ärger zuhause - und schließlich von Gefühlen.

Das Mädchen Lara wächst mit zwei älteren Schwestern bei der Mutter auf, die Eltern haben sich kurz nach ihrer Geburt getrennt. Sie ist eine gute Schülerin, geht aufs Gymnasium, macht gerne Sport: Sie schwimmt, tanzt und kümmert sich fast täglich um ihr Pflegepferd Sunny.
Lara trifft sich oft mit Freundinnen, ist beliebt, hatte aber noch nie einen festen Freund. Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist so weit gut, mit dem Vater hat sie nur lose über Facebook Kontakt.

Lara ist ein ganz normales 12-jähriges Mädchen, das gerne schon erwachsen wäre. Sie ärgert sich darüber, dass ihre Mutter sie für ein Baby hält, dem man sagen muss, dass es Hausaufgaben machen und den Müll herunterbringen soll. Mit ihren Freundinnen schminkt sie sich manchmal und hofft, dass sie mit Make-Up älter aussieht. Sie ähnelt dann Katy Perry, findet sie.

bennylein schickt ihr ein Foto von sich. Er sieht genauso aus, wie Lara ihn sich vorgestellt hat: ein blonder Junge mit blauen Augen. Sie findet ihn süß, zeigt das Foto sogar ihrer Mutter. Eines Tages fragt er, ob sie seine feste Freundin sein will. Lara ist überrascht: Noch nie hatte ein Junge größeres Interesse an ihr. Sie sagt Ja, doch so richtig ernst nimmt sie die Beziehung nicht, Liebe ist bis dahin nur ein Wort für sie. Nicht mehr.

🎀 laramaus
awwww <3 weiß nicht, was ist liebe?

bennylein hat sich wirklich in laramaus verliebt und nimmt die Chat-Beziehung sehr ernst. Für ihn ist sie das Wichtigste auf der Welt und sein erster Gedanke am Morgen. Nachts schläft er neben seinem Laptop ein, nachdem er sich eine Stunde von Lara verabschiedet hat.

Benno lebt in stabilen Verhältnissen, wirkt nach außen gefestigt, wenn auch zurückhaltend, aber das ist im Norden nicht ungewöhnlich. Lara ist nicht seine erste Chat-Beziehung, er hat schon einige Mädchen angeschrieben. Das Internet ist nicht nur seine zweite Heimat, sondern sein zweites Leben.
Denn Benno ist kein Schüler in der Pubertät: Er arbeitet im Amt und engagiert sich in der Politik. Ausserdem ist er verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn. Er ist über 40 Jahre älter als Lara.

Benno gerät immer mehr in eine Zwickmühle. Er will Lara unbedingt persönlich treffen und weiß, dass er davor Farbe bekennen muss. Wie soll er ihr erklären, dass er sich als 14-Jähriger ausgegeben hat? Er ändert die Altersangabe in seinem Club-Cooee-Profil nun wahrheitsgemäß von 14 in 54 und wartet nervös ab. Er zögert, fügt noch als Lebensmotto hinzu: "Alter ist nur eine Zahl".

Was wird Lara nur dazu sagen? Wird sie ihm eine Chance geben oder ihn gleich blockieren? Wird sie mit ihrer Mutter darüber sprechen?

  • Authentizitätsnähe
    Der Fake ist so gestaltet, dass er „echt“ wirkt (z. B. durch realistische Profile, Fotos, Sprache, Alltagsdetails).
  • Täuschungsabsicht
    Die falsche Darstellung ist kein Rollenspiel oder Satire, sondern soll andere irreführen.
  • Manipulativer Zweck
    Ziel ist Einfluss, Vertrauen, Kontrolle, Vorteil oder Schaden (emotional, sozial, finanziell, sexuell).

Im konkreten Fall von bennylein gibt sich ein verheirateter Mann über 50 in einem Chat als 14-jähriger Schüler aus. Das ist per Definition ein personenbezogener Realfake, der eine falsche Identität mit realitätsnahen Merkmalen aufbaut. Gleichzeitig ist es auch Catfishing, da eine Liebesbeziehung angebahnt wird und kann sogar strafrechtliche Folgen haben, insbesondere wenn es um Cybergrooming (die Anbahnung sexueller Kontakte mit Minderjährigen im Internet) geht.

Lara entdeckt die Veränderung in bennyleins Profil fast sofort, sie ist überrascht und ein wenig enttäuscht, aber nicht entsetzt oder gar alarmiert. Im Chat versucht er ihr zu seine Situation zu erklären, spricht von seiner Familie und davon, dass er Angst gehabt habe, dass sie ihn gar nicht kennenlernen will. Für ihn spiele es keine Rolle, dass sie erst 12 ist. Er überzeugt sie, dass seine Gefühle echt sind.

Lara fühlt sich geschmeichelt. bennylein ist doch ihr Verbündeter, ihr Seelenverwandter, ihr Partner in Crime. Was spielt das Alter schon für eine Rolle? Ehen gehen nun mal auseinander, ihre Eltern haben sich schließlich auch scheiden lassen.

Benno schickt ihr schließlich ein echtes Bild von sich: ein Mann im Anzug an seinem Arbeitsplatz. Lara findet ihn durchaus sympathisch und ist gleichzeitig fasziniert. Ein Beamter interessiert sich für sie? Für sie tut sich eine ganz neue Welt auf: die Welt der Erwachsenen. Sie chatten über viele Themen, Lara stellt ihm Fragen, über Politik, Religion, das Leben. Benno hat immer eine Antwort, er kann ihr alles so erklären, dass sie es auch versteht.

Benno hält es nicht mehr aus: Er fährt über 800km nach Bayern, um Lara endlich zu sehen und wartet in der Nähe von ihrem Stall auf sie. Die Begegnung ist anders, als er es sich vorgestellt hat. Das Mädchen wirkt distanziert, er darf ihr nur kurz einen Kuss auf die Wange gegeben, später ihre Hand halten. Er merkt, dass sie nicht übermäßig von ihm begeistert ist.

Lara ist überfordert. Sie wusste ja, dass Benno älter ist, in ihren Augen schon fast uralt. Aber so hat sie ihn sich doch nicht vorgestellt, das Bild des blonden Jungen noch immer in ihrem Kopf. Sie sieht seine Geheimratsecken, das Bäuchlein unter dem Sweatshirt, das so grau ist wie seine Haare, und fühlt sich abgestoßen. Am liebsten würde sie sich umdrehen und gehen.

Benno versucht alles, um ihr das Gefühl zu vermitteln, die Beziehung doch auch zu wollen. Er sagt ihr immer wieder, wie hübsch sie ist, und wie klug. So erwachsen. Sie muss sich von ihrer Mutter lösen, behauptet er, diese ist ihnen nur im Weg. Sie hat doch ihn, er passt auf sie auf. Er wird sich von seiner Frau trennen, wenn sie das will, um immer für sie da zu sein. Willst du das, laramaus? Lara taut auf. Das vertraute Gefühl aus den Chats stellt sich wieder ein. Bei der Verabschiedung umarmt sie ihn.

Sie ist nun die Einzige in ihrer Klasse, die einen erwachsenen Freund hat, gibt damit an und mag es, dass die anderen Mädchen zu ihr aufsehen.

🎀 laramaus
ich liebe dich auch
du behandelst mich so wie ich mich fühl, ich bin erwachsen und mache alles mit dir

Benno umgarnt Lara weiterhin nach allen Regeln der Kunst, er macht Komplimente, auch verstärkt sexuelle Anspielungen und beginnt, Bilder seines Intimbereichs zu schicken. Er verbringt seine Zeit zuhause fast nur noch vor dem Laptop. Und das erscheint sogar seiner Ehefrau seltsam, die es gewohnt ist, dass ihr Mann sich zurückzieht und viel Zeit für sich beansprucht.

Bennos Frau ahnt unbewusst, dass etwas nicht stimmt. Sie ist nach der Scheidung von ihrem ersten Mann, einem alkoholkranken Spieler, froh gewesen, in dem zuverlässigen, ernsthaften Benno einen sicheren Hafen zu finden. Das gemeinsame Leben ist angenehm, er kümmert sich um die Finanzen, den Schriftkram, schenkt ihr auch nach Jahren noch oft rote Rosen, einfach so. 20 Jahre sind sie mittlerweile verheiratet.

Benno war nie sehr gesellig und zog sich oft in sein Arbeitszimmer zurück, doch in letzter Zeit bekommt sie ihn kaum noch zu Gesicht. Er wirkt abwesend, zerstreut, vergisst Rechnungen zu bezahlen. Kauft keine Blumen mehr. Und dann ist er über Nacht weg, sie weiß nicht wo, erst am frühen Morgen kommt er zurück, zieht sich wortlos um und fährt zur Arbeit. Hat er eine Geliebte?

Als sie mit ihrer Tochter aus erster Ehe bei Kaffee und Kuchen über die Veränderung ihres Mannes spricht, beichtet diese, dass ihr Stiefvater sie, als sie ein Kind war, seltsam berührt hat. Bennos Frau erstarrt. Das muss ein Missverständnis sein, eine Situation, die von ihrer Tochter falsch wahrgenommen wurde. Oder nicht? Der Gedanke daran lässt sie nicht mehr los.

Eines Tages durchsucht sie sein Laptop und findet Nacktbilder von Mädchen. Es sind hunderte. Im Browserverlauf sind einschlägige Internetseiten aufgelistet. Schließlich stößt sie auf die Chats mit Lara, ihr Mann hat sie alle in einer Datei abgespeichert. Eine 12-Jährige, seine Geliebte?

Bennos Frau überlegt nicht lange: sie druckt alles aus, geht zur Polizei und zeigt ihren Mann an. Das Gespräch mit ihm vermeidet sie.

Zwei Wochen nach dem ersten Treffen klingelt die Polizei in Bayern bei Lara, das Mädchen ist allein. Die Beamten sagen ihr, dass sie Fragen zu einer Person an sie haben, möchten aber die Mutter dabeihaben. Sie geben Lara einen Termin für den nächsten Tag und gehen wieder.

🎀 laramaus
die polizei war da
wegen dir glaub ich, was soll ich machen ich muss morgen mit Mama hin

Lara löscht alle Chats mit ihm. Als ihre Mutter nach Hause kommt, erzählt sie ihr von dem Termin, gibt aber vor, nicht zu wissen, worum es geht. Sie kann in dieser Nacht kaum schlafen.

Am nächsten Morgen sitzen beide auf dem Revier. Die Beamten sagen zur Mutter, ihre Tochter stehe in Kontakt mit einem mutmaßlichen Pädophilen, zeigen ein Foto von ihm. Was? Laras Mutter kann es nicht fassen, kennst du diesen Mann? Hast du dich heimlich mit ihm getroffen? Das Mädchen gibt zu, dass es eine Begegnung gab. Es sei seine Idee gewesen. Aber nur einmal, und es wird nie wieder vorkommen. Sie mag ihn gar nicht, sagt sie.

Ihre Mutter ist ausser sich. Ihre Tochter hat sich von einen Pädophilen kontaktieren und besuchen lassen, was hätte da alles passieren können? Sie weiß nicht, wie sie reagieren soll. Hausarrest. Internetverbot bis zur Volljährigkeit! Auf dem Heimweg macht sie Lara heftige Vorwürfe.

Die Polizei im Norden nimmt die Sache sehr ernst und richtet eine Gefährderansprache an Benno. Er versichert, Lara ab jetzt in Ruhe zu lassen. Da bis dahin keine strafrechtlich relevanten Handlungen nachgewiesen werden können, werden die Ermittlungen eingestellt.

Der Kontakt zwischen Benno und Lara bricht ab.

🎀 laramaus
bennylein bist du da

🎀 laramaus
meine mutter will das nicht sie passt total auf und bringt mich immer zum stall

Ab dann kommunizieren sie nur noch über Handy. Benno wohnt jetzt wieder bei seinen Eltern, nachdem ihn seine Frau vor die Tür gesetzt hat, widmet seine ganze Zeit Lara. Was ist mit den Nacktbilder, die die Polizei gefunden hat, fragt sie. Er beteuert, sie seien nur aus Zufall auf seinem Rechner gelandet. Männer, die Kinderpornos konsumieren, seien Schweine.

In den nächsten Monaten verbringt Benno insgesamt zwei Wochen in Bayern, er bucht billige Hotelzimmer. Lara behauptet zuhause, dass sie bei einer Freundin übernachtet, die sie vor der Mutter deckt. Manchmal holt er sie auch von der Schule ab.

In seinem Auto kommt es zum Geschlechtsverkehr. Benno drängt darauf, Lara ist neugierig, will wissen, wie sich das anfühlt. Sex, das ist ein großes Wort für die 12-Jährige, fast noch größer als Liebe. Aber sie bekommt Angst. Er macht trotzdem weiter, es erregt ihn nur noch mehr. Von da an kommt es auch im Hotel immer wieder zu sexuellen Handlungen. Lara macht mit, aber es macht sie nicht glücklich. Warum nur hat sie keine Schmetterlinge im Bauch? Wäre ihr Leben ohne ihn nicht viel einfacher?

An einem Samstag Abend sitzen Benno und Lara noch spät in einer Wirtschaft, essen Zwiebelrostbraten. Laras Mutter ruft an. Sie hat erfahren, dass ihre Tochter nicht bei jener Freundin ist, bei der sie am Wochenende angeblich übernachten wollte und ist sehr wütend. Komm sofort heim, fordert sie. Lara legt auf. Wir müssen weg, sagt Benno, zahlt und geht zielstrebig mit ihr zum Auto. Er fährt auf die Bundesstraße.

Laras Mutter ahnt sofort Schlimmes. Sie versucht ihre Tochter zu erreichen, aber das Handy bleibt ausgeschaltet. Sie meldet Lara noch in dieser Nacht als vermisst. Die Ermittler reagieren sofort, geben eine Meldung heraus und versuchen, das Handy zu orten. Erfolglos.

Benno fährt erst ziellos durch die Gegend, doch dann orientiert er sich nach Osten. Er hält erst 150 Kilometer nach der Grenze an einem Baggersee an, der Morgen graut bereits. 'bennylein ♡ laramaus' schreibt er in den aufgeschütteten Strand.

Die Polizei entdeckt Bennos verlassenes Auto im Wald, findet aber keine Spur zu den beiden. Wie geht es Lara? Lebt sie noch? Benno hat alles hinter sich gelassen, er hat nichts mehr zu verlieren. Zeugen haben das ungleiche Paar in Supermärkten beim Einkauf gesehen. Es sah für sie nicht danach aus, als würde das Mädchen gezwungen, mit dem Mann unterwegs zu sein.

Für die Polizei steht fest: Benno hat die Flucht geplant. Er hat zuvor mehrere Tausend Euro Bargeld abgehoben, das Auto vollgetankt. Seine EC- oder auch die Kreditkarte werden nie mehr benutzt, nachdem er sich mit Lara abgesetzt hat.

Es vergehen Jahre, in denen Laras Mutter verzweifelt nach ihrer Tochter sucht, sogar eine Website erstellen lässt und dort von vielen Seiten angefeindet wird: Ihre Tochter habe es bei ihr nicht mehr ausgehalten, heißt es, nur sie sei schuld. Die Belastung durch den Hass im Netz ist manchmal schlimmer als die Angst um ihre Tochter. Sie gibt die Hoffnung nicht auf: Irgendwann wird sie Lara wieder in die Arme schließen können.

Benno nennt sie längst nicht mehr laramaus, sondern 'Puppe'. Er gibt sie überall als seine Tochter aus, als die finanziellen Reserven erschöpft sind, muss sie betteln gehen. Die Dorfbewohner haben Mitleid mit den Gestrandeten, geben ihnen Lebensmittel und sorgen für eine einfache Unterkunft. Er bekommt Aushilfsjobs, hält sich aber von jeder näheren Bekanntschaft fern, spricht kaum mit anderen Menschen.

Lara befindet sich längst in einem Abhängigkeitsverhältnis, aus dem sie sich nicht mehr befreien kann. "Du kannst erst wieder nach Hause, wenn du 18 bist, sonst komme ich 15 Jahre in den Knast, und du kommst ins Heim", sagt Benno. Ihre Mutter hätte sie ohnehin schon vergessen. Sie glaubt ihm immer noch, was weiß sie schon vom Leben? Die Jahre vergehen.

Im Dorf freundet sich Lara nach und nach mit einer älteren Dame an, lernt von ihr die Sprache, wird selbstständiger – auch unabhängiger von Benno. Sie wird 18 und vertraut sich schließlich ihrer neuen und einzigen Freundin an. Die schenkt ihr ein Smartphone. Lara geht sofort ins Internet: Sie findet Artikel über ihr Verschwinden, Interviews mit der Mutter, den Schwestern. Sie haben sie nicht vergessen.

Lara will weg, weg von Benno, weg von dem Dorf. Sofort. Angst vor dem Heim hat sie nicht mehr, sie weiß, dass sie mit der Volljährigkeit über ihren Aufenthaltsort entscheiden darf. Über Facebook kontaktiert sie ihre älteste Schwester, die es kaum glauben kann. Komm zurück, sagt sie, komm über die Grenze, ich hol dich überall ab. Heimlich packt Lara ihre wenigen Sachen. Einen Abschiedsbrief für Benno hinterlässt sie noch. Dann flüchtet sie erneut – mit dem Bus bis nach München. An der Haltestelle erwartet sie ihre Mutter.

Lara lebt wieder in ihrem alten Kinderzimmer, geht zur Schule, will einen Abschluss nachholen. Sie versucht, glücklich zu sein und das Leben zu genießen. Doch ein schwerer Schritt steht ihr noch bevor: Sie muss vor Gericht gegen Benno aussagen, der in Slowenien verhaftet wurde.

Benno hält die Beziehung zu Lara noch während des Prozesses für Liebe und sagt, dass seine Arme für sie immer offen sein werden. Er wird zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Das Gericht befindet ihn des sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie der schweren Kindesentziehung für schuldig. Er habe die emotionale Abhängigkeit der Minderjährigen ausgenutzt, sie durch Lügen über die Konsequenzen einer Rückkehr kontrolliert und zu einem Leben in Isolation gezwungen. Die Anordnung einer Sicherungsverwahrung wird allerdings abgelehnt, da die Gefahr einer Wiederholung nach der langen Haftstrafe als gering eingestuft wird.

Benno hat seine Strafe mittlerweile verbüßt und wurde entlassen. Lara hat jeden Tag Angst. Bisher hat sie ihn nicht wiedergesehen.

Benno und Lara sind fiktive Charaktere, aber dieser Artikel beruht auf einer wahren Geschichte. Alle Namen und Details wurden geändert, um die Beteiligten zu schützen. Solche Fälle sind auch heute leider keine Ausnahme und können jederzeit wieder passieren.

Club Cooee spielt schon lange keine Rolle mehr, hat aber einen legitimen und gefährlichen Nachfolger.

Roblox gehört zu den meistgenutzten Spieleplattformen, täglich loggen sich dort rund 150 Millionen Accounts ein. Ein Großteil der NutzerInnen ist unter 18 Jahren alt.  Mittlerweile häufen sich die Zweifel an der Sicherheit - die Plattform bietet kaum Schutz vor Cybergrooming sowie unangemessenen Inhalten. Besonders besorgniserregend ist die fehlende Sicherheit in den Community-Gruppen: In diesen ist es möglich, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden, zu chatten und sich zum gemeinsamen Spielen zu verabreden.

So spielt die 13-jährige Lena regelmäßig auf Roblox. In einem beliebten Rollenspiel trifft sie auf „Max17“, einen Avatar mit teuren Accessoires, der sich als 14-jähriger Schüler ausgibt. Max kennt die Spielregeln, hilft neuen Spieler:innen und wirkt freundlich, humorvoll und geduldig. Schnell spielen beide regelmäßig zusammen und chatten auch privat.

Über Wochen entsteht Vertrauen. Max fragt nach Lenas Schule, ihren Hobbys und ihrem Alltag. Er erzählt von angeblichen Problemen mit seinen Eltern und bittet um Verständnis – eine klassische emotionale Annäherung. Lena hat keinen Grund zu zweifeln: Der Avatar wirkt echt, das Verhalten passt, die Gespräche fühlen sich vertraut an.

Max lädt Lena in einen privaten Chat auf einer externen Chat-Plattform ein, dort werden die Nachrichten schnell sexuell und übergriffig. Zudem fragt Max nach intimen Fotos von ihr und verlangt, den Nachrichtenaustausch geheim zu halten. Doch Lena wird sein Verhalten mehr und mehr unangenehm: Sie vertraut sich ihrer Mutter an.

Eine Meldung beim Plattformbetreiber zeigt später: Hinter dem Account steckt kein gleichaltriger Jugendlicher, sondern ein deutlich älterer Nutzer. Die Identität war vollständig erfunden – glaubwürdig gespielt über Wochen hinweg.

Der beste Schutz vor Cybergrooming ist ein Kind, das weiß, dass es jederzeit reden darf – und ernst genommen wird.

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